Als ein Industrieboss anfing, nüchtern vor mir zu strippen

Original image by Simon Fraser UniversityUniversity Communications/CC BY 2.0

Anfang dieses Jahrtausends habe ich mich reichlich abgemüht, um Aufträge und neue Kunden zu ergattern.

Junge, das waren harte Zeiten.

Deshalb habe ich jede Möglichkeit genutzt, um neue Geschäftsbeziehungen aufzubauen.

Selbst solche, in denen ich gar nicht involviert war.

 

Wenn man zu viel von dem hat, was man nicht braucht

Das Beispiel, dass ich dir diesmal erzähle, ist eines, wo ich oder „mein Unternehmen“ nur der Vermittler war. Der Grund war, dass mir das fehlte, was ich brauchte und viel vom dem hatte, was ich nicht brauchte.

Mit anderen Worten, ich hatte Fähigkeiten und Beziehungen, die mir nichts nutzten. Und die bot ich anderen an. Gegen Bezahlung.

Rein Fachlich war ich unterer Durchschnitt, wenn überhaupt.

Ich bin eher der virtuose Künstlertyp als der streng nach Formeln arbeitende Wissenschaftler. Leider konnte ich als emotionaler Virtuose nirgends als Zulieferer oder Dienstleister punkten. Also habe ich das, was ich schon hatte, einfach neu kombiniert und als Lösungen angeboten.

Großspurig ausgedrückt: Ich war sozusagen eine Art Heiratsvermittler der zwei Unternehmen verkuppelte, die sonst nur voneinander träumten.

 

Sub-sub

Jetzt wird es ein wenig „fachig“, also nur interessant für Fachidioten. Falls du kein Fachidiot bist, kannst du diesen Abschnitt überspringen und weiter lesen beim Abschnitt Kloke Force One.

Ich hatte guten Kontakt zu Ingenieursdienstleistern ersten Ranges (auch „Tier 1“ bezeichnet). Das sind diejenigen Firmen, die direkt Großkonzerne wie Siemens, BMW oder Daimler beliefern.

Alles andere sind Sub (Tier 2), Sub-sub (Tier3) oder Sub-sub-sub (Tier4)-Unternehmen. Ich selber war „Sub“ oder ein Sub-sub(-Unternehmer).

Allerdings hatte ich durch meine Umtriebigkeit, eher wahllos, Bekanntschaft mit Top-Managern von namhaften Großkonzernen gemacht. Allerdings oft außerhalb meiner eigenen Branche. Einfach deshalb, weil ich mit denen in Kontakt kam und persönlich gut (einen saufen) konnte.

Ich selber konnte mit diesen eher privaten Kontakten unternehmerisch wenig anfangen. Einerseits, weil wie gesagt, die Branche eine andere war.

Andererseits, weil ich nicht genug Fachkompetenz besaß, um ein bestimmtes Problem zufriedenstellend zu lösen.

Kurz: Ich kannte den, der das Problem hatte. Und ich kannte den, der das lösen konnte und so einen Auftrag brauchte.

 

Kloke Force One

An einem Tag musste ich auf die Schnelle alle Termine absagen, weil plötzlich der Boss eines indischen Konzerns bei mir anrief und frohlockte, dass er gerade in „meiner Gegend“ sei. Er wollte mich, zwischen zwei Terminen, Abends um 18:00 zum Essen einladen und hätte dann 45 Minuten Zeit für mich. Der Anruf selber kam um 14:25 Uhr.

Der Anrufer war der oberste Boss von jemanden (ja, auch ein Inder), den ich schon vorher kannte. Der wollte einen Export-Deal mit einer bekannten Berliner Firma unter Dach und Fach kriegen, zu der ich einen sehr guten Draht hatte. Details tauschten wir bereits per email aus.

Das Blöde an dem Anruf war weniger die Dringlichkeit, also die dreieinhalb Stunden, die mir noch bis zum Essen mit ihm blieben. Sondern „meine Gegend“, in der er war. Und damit meinte er Bremen.

Da ich damals aber mein Büro und Wohnort im Süden vom Land Brandenburg, also 90km südlich von Berlin, hatte, machte die Sache „sportlich“, wie man zu sagen pflegt.

Weil 4km entfernt von mir ein kleiner Segelflugplatz (Lüsse) ist, rief ich die Lufthansa an und fragte nach einem leistungsfähigen Hubschrauber oder einer einmotorigen Maschine. Kein Witz. Die Tante am Telefon meinte, das wäre zeitlich zu schaffen und ich wäre spätestens bis 17:30 in Bremen. Zurück könnte ich ja mit der Bahn fahren.

Das wäre alles kein Problem, außer: Der Preis.

 

Lass es kosten, Baby, lass es kosten

Fakt ist, ich konnte mir die 2.800 Euro für den Hubi (oder 2,5k für die Piper) nicht leisten. Ich wusste ja nicht mal, ob der Deal zustande kommt. Und deswegen wollte ich ja da hin. Zum Essen. Mit dem Ober-Inder.

Obwohl ich jetzt – unabhängig vom Termin – geil auf den Hubschrauber geworden bin, musste ich mich zurücknehmen.

Es kam dafür schlimmer. Ich setzte mich sofort ins Auto, fuhr zur Tankstelle, tankte, kaufte 6 Dosen Red Bull und raste wie ein Henker nach Bremen.

Geschwindigkeitsbegrenzungen? Hielt ich nur dort ein, wo Gefahr für andere bestand. Denn für ein indisches Essen riskiere ich keine Toten. Aber ansonsten, auf freier breiter Strecke? Gern kurz unter Lichtgeschwindigkeit.

Das meiste war ohnehin Autobahn und ich war um 17:50 (oder 55) in dem Hotelrestaurant, wo wir uns verabredet hatten.

Der Kellner dort wusste Bescheid. Er gab mir einen Tisch, ein großes Glas Bier und die Auskunft, dass sich mein Geschäftspartner um eine Stunde verspäten würde.

Ich war wütend und fragte, warum er mich nicht angerufen hat? Ich war auch im Auto erreichbar. Der Kellner zuckte mit den Schultern und meinte, er wohnt ja hier im Hotel und muss sowieso kommen.

 

Typisch Manager…

…dachte ich. Und hungrig war ich auch. Als mehr als eine Stunde um, und es bereits 19:15 war, rief ich den Inder an, konnte ihn aber selber nicht erreichen.

Image by kumar_n2008 (kumar2008)

Der Kellner wusste auch nichts. Woher auch!? Der ist Kellner und kein Assistent.

Dann rief ich „den anderen Inder“, also meinen Bekannten, an. Der wiederum meinte nur, ich solle Geduld haben, der Boss kommt bestimmt.

Er weiter. „Vielleicht ist er in einem Funkloch. Oder er steckt in einer Konferenz oder im Verkehr fest.“

Mir überkam so langsam der Eindruck, der meint den Verkehr von Mumbai.

 

Hier kommt Ranjid

Ich sagte mir, wenn Ranjid* bis 20:00 Uhr nicht kommt, bestelle ich was zu Fressen, bevor ich noch den Kellner verspeise. Dann fahr ich wieder zurück.

Vielleicht konnte Ranjid ja nur keine Rikscha finden, die ihn zurück zum Hotel schleppt. Wer weiß….

Es wurde schließlich 20:00 Uhr und ich wollte gerade mein Riesenschnitzel bestellen, da kam Ranjid. Und zwar auf die Sekunde genau zwei Stunden zu spät.

 

Ranjid macht sich nackig

Nach einer kurzen Begrüßung sagte Ranjid, dass er 45 Minuten Zeit habe (kenne ich schon). Und er bat mich, ihm in sein Hotelzimmer zu begleiten. Ich fragte, warum wir nicht erst mal was Essen. Er meinte, er hat gerade gegessen und wäre satt. (Ist das Verhandlungstaktik oder was!?) Außerdem hat er noch Unterlagen im Zimmer, die er mir besser dort zeigen könne.

Meinetwegen, dachte ich, dann esse ich eben danach und zahle selber. Ist immer noch billiger als ein verdammter Hubschrauber.

Das Gespräch begann mit den bekannten Fakten und einigen Fragen, die man so fragt. Aber jedes Mal, wenn ich redete, zog der Indische Boss ein Stück seiner Klamotten aus. Es war wie eine Art Frage-Antwort-Striptease. Ich ahnte schon (und fand es später heraus), dass er nicht schwul war. Sondern eine familiäre Atmosphäre aufbauen wollte.

Das heißt, wenn ein hochrangiger Inder, in diesem Fall Ranjid aus Mumbai, sich im Gespräch mit Fremden (mich) entkleidet, will er Spannungen abbauen, die durch eine womögliche Verärgerung (wegen Zuspätkommens seinerseits) beim anderen entstanden sein könnte.

Ich meine, wenn ich fast verhungere und sich statt einem Schnitzel auf einen Teller, ein fremder, älterer Kerl in einem Hotelzimmer vor mir entkleidet, dann bauen sich bei mir ganz sicher keine Spannungen ab, sondern auf.

Aber das ist halt die andere Kultur. Da muss man sich anpassen. Und das kann man auch ohne konformistisch zu sein.

Außerdem wusste ich in dem Moment oben im Hotelzimmer, dass ich was zu erzählen habe, wenn ich meine Kumpels treffe. Ich sah es positiv. Denn ich war gewissermaßen in Regionen vorgedrungen, die nie deutscher Mensch zuvor gesehen hat. Und darüber kann man berichten und lachen.

Zurück zu Ranjid oben im Hotelzimmer. Er zog sich nicht völlig nackt aus. (Da hätte ich jeden Vertrag unterschrieben, um da schnell wieder weg zu kommen.)

Das wichtigste behielt er an. Schließlich dauerte das Gespräch statt 45 Minuten weit über zwei Stunden. Einen Monat später wurde der Deal mit der Berliner Firma, nach einem weiteren Treffen mit allen Beteiligten in Berlin, offiziell.

(Nein, da war keiner nackt.)

Ehrlich, ich habe schon Sachen an einem Tag getan und erlebt, die manch anderer in seinem ganzen Leben nicht tut oder erlebt. So macht man schnell Erfahrungen im kurzen Leben. Das ist schlussendlich gut so. Und oft hat man was, worüber man später lachen kann.

In jener Nacht bin nicht ganz so hungrig wieder nach hause gefahren. Unterwegs auf einer Tankstelle habe ich mir nämlich eine Wurst gekauft. Indem Moment wurde mir aber klar, dass ich mit solchen ‚Geschäften‘ langsam aufhören musste. Allein wegen dem Aufwand. Und dieser Bilder im Kopf.

[Für diesen Beitrag wurden keine Inder oder Kellner missbraucht.]

*) Namen geändert