Wer will der größte sein?

Jeder, besser gesagt, fast jeder, der nichts aufgebaut hat, dass größer ist als er selbst (Manager, Politiker), der kommt an einem bestimmten Punkt. An diesem Punkt will er der größte werden. Ganz so, als ob ihm nichts anderes wichtiger sei.

VW will der größte Autohersteller der Welt werden? (Nein, das will [wollte] Fritze Winterkorn.) FIAT auch? (Nein, das will nur Fritze Marchionne.) Auf biegen und brechen. Daimler, will der größte Premiumhersteller werden? (Nein Fritze Zetsche will das.) Alle drei in der selben Branche. In anderen Branchen und Konzernen ist es ähnlich.

Image by jutakyo (jenya)

Und wenn du beispielsweise ein Premium-Produkt kaufen willst, dann bezahlst du für unbestreitbare Qualität, für exzellenten Kundenservice, für herausragendes Design und für Exklusivität.

Aber keiner der selbsternannten Premiumhersteller kann auch nur eines davon bieten. Beim Beispiel Auto kaufst du doch kein Fahrzeug freiwillig, das piepst, vibriert, gefühlt an jeder Ecke steht und dessen Verkäufer dir den Tag verdirbt, weil er bereits überzeugt ist, selbst der größte zu sein.

Was aber treibt die Verantwortlichen dazu, einfach nur der Größte sein zu wollen? Ist es Angst, dass es zwangsläufig bald nur noch einen geben kann, der man dann selbst sein will? (Der Stärkste überlebt. Alles oder nichts.)

Oder ist es wieder mal Teufel Ehrgeiz, der das eigene Ego und den Stolz der Belegschaft betuddeln muss? Ist es Leistungsdenken? Falsche Versprechungen? Größenwahn? Macht? Prestige? Oder sich ein Denkmal zu setzen?

Es ist alles zusammen. Und am meisten ist es Prestige. Aber nichts von dem macht einem groß, erfolgreich oder beliebt. Die fahren nach dem Prinzip ‚Herrschen statt Dienen‘.

Ich sage: Einige Leute drehen sich nur um sich selbst. Und sie drehen sich nicht um den, mit dessen Hilfe deren Größe überhaupt möglich wurde: Der ureigene Kunde. Das heißt, die spielen und herrschen auf Kosten ihrer Kunden. (Deren Wünsche und Bedürfnisse man bei entsprechend eigener Größe besser ignorieren kann. Erst recht, wenn man der Größte ist.) Das Marketing verkommt zum Instrument für Propaganda und Selbstbeweihräucherung, statt lieber Kundenbeziehungen aufzubauen und zu pflegen.

Wenn man nun schon der größte sein will, warum dann nicht einfach nur für den, der die eigene Größe in Wahrheit bestimmt? Der eigene Kunde, der Fan, der Anhänger und Leser? Warum will man nicht einfach der beste für denjenigen sein, für den man das tut, was man tut? Ist das nicht zielführender? Fragen über Fragen, die im Grunde schon die Antwort sind.

 

Aber:

Rein vom Marketing her macht es Sinn, die Nummer Eins zu sein. Zumindest auf dem ersten (und wichtigsten) Eindruck.

Dem größten der etablierten Anbieter schenken gewöhnliche Kunden ganz einfach mehr vertrauen und Aufmerksamkeit als der Nummer Zwei, weil man glaubt, zu wissen woran man bei Nummer Eins ist. Dort falsch zu liegen scheint ausgeschlossen. Denn die meisten kaufen ja dort. Die Herde rennt von allein zu ihm. Denn es fühlt sich sicherer an.

Trotzdem kann man auf Rang 127 in einem Chart und gleichzeitig auf Platz Eins in einem anderen Chart sein. Und nur dort, wo man die No.1 ist, da sind auch die Leute, die einem zu dieser Größenordnung verhelfen. Ich denke, du verstehst.

Unverständlich – für mich – ist, nach reinen Zahlen zu planen. Frei nach dem Motto „Im Jahre XY müssen 8 Mio Autos abgesetzt werden, am besten noch bevor die Rückrufe einsetzen und der neue Markenchef installiert ist.“ Qualität? Egal. Langfristige Kundenzufriedenheit? Egal. Markenfokus? Egal. Es wird verwässert und gespart (und beim Marketing wieder verpulvert), bis die eine Million abgesetzt wurde. Warum? Der Marktanteil ist eine feste Größenordnung, eine tote Zahl. Und mit der können die Herren scheinbar mehr anfangen als mit lebenden Kunden samt all ihrer wechselhaften Launen.

 

Es gibt kleine und große Monopole

Das lustige ist, im Internet kennt man nur die größten ihrer Branche. Weil sie nahezu die einzigen sind. Facebook hat zum Beispiel keine (echte) Konkurrenz. Wird es auch nie haben. Warum? Twitter ist nicht Facebook. Und wer Facebook und Twitter hasst, der nutzt beide nicht. Sondern er ist – sofern er überhaupt etwas nutzt – bei einem Anbieter, der nicht viel – wenn überhaupt –  mit diesen beiden gemeinsam hat. Es ist ein kleiner Anbieter, den ich vielleicht nicht kenne, der aber die Nummer Eins, der Monopolist für die Leute ist, die das suchen, was die anderen unsympathisch macht oder nicht bieten wollen.

Im Gegensatz zu den Internetfirmen sind die ollen Autofritzen wie viele ihrer Produkte: Vergleichbar, austauschbar und zum großen Teil verzichtbar. Die wollen auf Nummer Sicher gehen. Und die haben Angst (das Gesicht) zu verlieren. Und wenn man der Größte ist, ist man unangreifbar und unberührbar. Denken die.

Eventuell machen ja Google, Apple, Facebook & Co. denen bald etwas Feuer unterm‘ Arsch. Gebrauchen können sie’s. Denn in der alten Industrie war es bisher so, dass einem die eigene Größe immer zuverlässig davor bewahrte, innovativ und kundenfreundlich sein zu müssen.

 

Die Aussicht, schmerzlich vermisst zu werden ist das Beste

Neue unternehmerische Konzepte hingegen, die kunstvoll auf die Kunden ausgerichtet und umgesetzt werden, sind für eben jene Kunden nicht mehr vergleichbar, nicht mehr so einfach austauschbar und ab einem gewissen Punkt somit nicht mehr verzichtbar.

Wenn sie gut genug sind, passiert es, dass es dann den Nutzern, Fans und Kunden weh tun würde, falls ein Anbieter dieser Art wieder verschwindet. Oder sich zum schlechteren verändert, falls der Anbieter – wie so oft geschehen – als Organisation wächst, weil die Distanz zum Kunden ebenfalls mitwächst.

Ich habe nichts gegen hoch gesteckte Ziele. Auch nicht gegen große Organisationen als solches. Ein gutes Ziel wäre aber, der beste Anbieter, die beste Organisation, für denjenigen zu sein, der einem bezahlt, der einem vertraut und für bare Münze das Produkt oder das Ticket kauft. Nicht nur heute, sondern auch noch Übermorgen. Trotz vorhandener Alternativen.

Also warum will keiner der beste sein? Oder präziser ausgedrückt: Wie gut soll das werden, was ich mache? Wann ist es gut genug für das, was ich beabsichtige? Wann ist es gut genug, dass ich den Preis fordern kann, den ich zum langfristigen Fortbestand und zur Entwicklung der Unternehmung brauche? Wie gut will ich es für meine zahlenden Kunden machen?

Wenn ich was mache, oder wenn du was machst, dann mache am besten so, dass es so gut ist, dass der Nutzer, der Fan oder der Kunde das Gefühl hat, der Größte zu sein. Das ist ist langfristig die bessere Alternative, als einfach selber nur der Größte sein wollen. Und man kann damit schon als kleinster anfangen.