Zur Korrektheit verdammt

Wer korrekt ist, der ist nicht kreativ. Und wer nicht kreativ ist, der lebt in ständiger Gefahr. In Gefahr vor Regelverletzung und Abweichung von irgend einer Norm. Denn wer sich streng an alle Vorgaben hält, hat es zunehmend schwer.

Der Druck, den Anforderungen zu genügen, alle Vorgaben zu erfüllen oder sich generell anzupassen nimmt zu. Mit anderen Worten, Einheitsbrei zu produzieren wird immer schwieriger, da durch die zunehmende Vergleichbarkeit, nur noch die reine Leistung und dessen stetige Steigerung zählt.

Beispiel aus einem völlig anderen Blickwinkel:

Könnte jemand als im Großkonzern angestellter Designer ein aufregendes Produkt entwerfen, dass Kunden und Presse vom Hocker reißt? Ja, das könnte er.

Und ein Gremium von Vorgesetzten wird dafür sorgen, dass nicht sein Entwurf, sondern der langweilige eines Kollegen in Produktion geht. Warum? Weil man dem Kunden ein aufregendes Design nicht zumuten kann. Die Leistung besteht hierbei, sich oder ein Produkt dem der Konkurrenz anzupassen.

Der Konzern will die Masse ansprechen. Und das sind auch die Kunden der Konkurrenz. Und die macht ja bekanntlich immer alles richtig. Also gleicht man sich, um Erfolg zu haben, denen an, bis kein Unterschied mehr zu erkennen ist. Nur noch das Label ent- oder unterscheidet.

Für Begeisterungsstürme bei Presse und Verbraucher sorgt dann das Sondereinsatzkommando der Marketingabteilung. Mit richtig viel Geld.

Zurück zu den Designern (Entwicklern, Konstrukteuren):

Der Designer mit dem gefälligen, aber langweiligen Produkt hat sich korrekt verhalten. Gegenüber seinen Vorgesetzten und der Unternehmensführung. Als schlechter Designer hat er eben nicht zu viel gewagt, weil der Vorgesetzte sein Kunde ist. (Und nicht der Endverbraucher oder Konsument.)

Das mit dem (guten) Designer kann einem „selbstständigen“ Geschäftsinhaber aber auch passieren. Auch er kann zu Gunsten eines schlecheren übergangen werden. Nur ein wenig anders. — Frage:

Kann ich als Bestattungsunternehmer in eine kriminelle Gegend mit unnatürlich hoher Todesrate ziehen und dann eine Leuchtreklame außen anbringen? Wer wird wohl am ehesten was dagegen haben? Der Hauseigentümer, das Amt für Denkmalschutz oder die Gangster?

Wir wissen, wer das ist: Das Amt.

Mit Hauseigentümern kann man reden und Gangster kann man bezahlen. Aber ein deutsches Amt? Falls die Gangster neben dem normalen Schutz keine Sonderleistungen gegen Aufpreis anbieten oder ich diese aufgrund meiner spießigen Korrektheit nicht in Anspruch nehme, dann wird es nichts mit der schicken Reklame.

In dem Falle muss man anders, aber mindestens genauso dumm denken, wie ein Amt. Eben genauso, wie der ’schlechte‘ Designer denkt wie sein Chef.

Den Regularien und damit dem Amt, samt der damit gezüchteten Zombie-Armee von Abmahnanwälten ist es egal, wie deine Außenreklame, Website oder Broschüre aussieht. (Solange nichts unerlaubtes drin oder dran steht beziehungsweise weggelassen wird.)

Noch viel weniger als das geschriebene Wort oder das geliehene Bild kann kein Amt deine Geschäftsgebahren nachvollziehen, sprich, dein Marketing. Und was für Behörden aufgrund fehlender Regulierung nicht nachvollziehbar ist, dass kann man nicht verbieten. Und was ein Chef am Produktdesign nicht sieht, dass kann er nicht verhindern. Ein guter ’schlechter‘ Designer weiß das.

Das bedeutet, dass dein kreativer Freiraum natürlich wächst, je mehr du dich von festgefahrenen Konventionen entfernst und gleichzeitig weißt, wie du wen zu nehmen hast. (Kunde tickt anders als Amt, Vorgesetzter anders als Lebenspartner, Hund anders als Katze.)

Ebenso natürlich ist es, dass man ständiger und manchmal übertriebener Kontrolle unterliegt, wenn du dich einem großen System oder Reglement unterwirfst, anstatt ein eigenes zu etablieren (um ein größeres zu unterwandern).

Es ist kein Problem, falls du das nicht möchtest oder kannst. Denn es reicht oft, einem kleineren System beizutreten, dass du noch mit beeinflussen kannst oder wo dein Wort zählt. Aber auch dazu musst du kreativ quer denken.

Ansonsten gilt: Wer wenig kreativ ist, der muss punktgenau Vorgaben erfüllen und ist somit zur Korrektheit verdammt.