Ziele verlangen Opfer ab

Es gibt etwas, dass man nur ungern wahrhaben will oder dessen man sich weigert, es zu akzeptieren. Das sind Opfer, die Projekte und Ziele fordern. Besonders dann, wenn letzere sich lohnen (sollen).

Echte Prachtexemplare von Opfern sind solche, deren Auswirkungen zusätzlich das eigentliche Projekt, für das sie erbracht werden, erschweren, verlangsamen oder sabotieren.

Ein extremes Beispiel:

Einen angehenden Gründer faulen alle Zähne weg, weil er viel zuckriges „Nervenfutter“ futtert. Aufgrund eines vorübergehend eingeschränkten Einkommens muss er zusätzlich entbehren. Er muss all seine Ressourcen in sein Projekt stecken und hat deshalb weder Zeit noch Kohle, um anständigen Zahnersatz zu bezahlen.

Kassenbezahlte Stahlkronen, die ihn aussehen lassen wie den Beißer aus 007 sind nicht sein Ding. Ein eventuell daraus resultierendes Lispeln ebenso wenig. Mit solchen Stahlhauern müsste er fürchten, nicht mehr ernst genommen zu werden. Was fatal ist als Unternehmensgründer. Bei einem Chicano-Rapper oder Süd-kalifornischen Straßengangster wäre jetzt das Gegenteil der Fall, weil er so authentischer rüber kommt.

Aber. Läßt er sein Gebiss aus Geldmangel nicht behandeln, tritt das kosmetische Problem sowieso auf und der ganze Körper leidet an den Entzündungen und dadurch verursachten Kieferproblemen. Ihm wird unwohl, er bekommt Migräne-Anfälle, Herzrasen, Herzaussetzer und als Ergebnis sinkt – ganz banal – die Produktivität und die Lebenserwartung. Das heißt, das Ziel schiebt sich hinaus. — Falls es mit diesem weiter steigenden „Widerstand“ überhaupt noch erreicht werden kann.

Anderes Beispiel:

Jeder Physiker, Aerodynamiker und Designer im Fahrzeugbau kennt das bewusste, aber gezielte Opfern als „Drag“ (Reibung und Strömungswiderstand).

In der Fahrzeugentwicklung werden oftmals viele positive Eigenschaften zugunsten der Realisierbarkeit geopfert.

Weniger Zylinder, weniger Hubraum, weniger Eigenständigkeit, weniger Platz, weniger Sound, weniger Komfort, weniger Wartungsfreundlichkeit, weniger Langlebigkeit, weniger Fahrfreude, weniger Geld auf dem Konto des Kunden. — Nicht immer alles gleichzeitig, aber immer so, um es gleichzeitig in den Markt zu führen und dabei profitabel zu bleiben.

Diesen ‚Drag‘ bemerkt jeder, der ein Ziel erreichen will. Je näher man dem Ziel oder dem Erfolg kommt, desto stärker wird dieser Widerstand, dieser Drag. Und dieser Widerstand erzeugt ein Opfer. Und jedes Opfer ist ein Kompromiss.

Diesen Kompromiss kann man in Kauf nehmen oder austauschen. Vollständig verhindern kann man ihn nicht. Denn Kompromisslosigkeit ist ein reiner Idealzustand ohne Opfer(bereitschaft), den man in der Praxis, beispielsweise bei Unternehmensgründungen, kaum aufrecht erhalten kann.

Ein Designer muss eine elegante Lösung finden, um den Sportwagen mit genug Abtrieb auf der Straße zu halten, ohne dass die Silhouette gestört oder das Erscheinungsbild verfälscht wird. Der Motorenentwickler muss die Turbos so abstimmen, dass sie ohne Leistungsverlust noch genügend Krach durch die Rohre lassen, damit der potentielle Kunde sich über den Auspuffsound freut und schließlich kauft.

Einige Lösungen sind brutal, unpassend, anderweitig störend, aber für einen Erfolg letztendlich nicht zu vermeiden.

Deshalb ist es manchmal sinnvoll, Lösungen um die Lösungen herum zu bauen. Denn wenn eine scheinbar unpassende Lösung stören sollte, dann braucht man nur noch die Störung zu lösen. — Eine Fingerübung für jeden, der so weit gekommen ist.

Das einzige Opfer ist nur noch, dass man sich mit der Lösung beschäftigen muss. Das Opfer ist hier Zeit.

Für unseren Gründer mit dem Zombie-Gebiss heißt das, Prioritäten zu setzen und den bestmöglichen Kompromiss zu finden. Er sollte seine Zähne komplett machen lassen, denn irgendwas wird seine Krankenkasse schon bezahlen. Entweder er tauscht sein Opfer ein und bekommt dafür ein billiges Stahl-Lächeln, dass seine mittelständischen Geschäftspartner vergrault. Oder er wird nie wieder lächeln. Jetzt muss er sein Image-Problem aufgrund des rostfreien Gebisses anders lösen oder die Störung anderweitig beseitigen – ohne nochmal zum Zahnarzt zu rennen.

Opfer, muss man akzeptieren, um mit ihnen klar zukommen. Erst dann können wir entscheiden, wie oder in welcher Form sie uns einschränken. Aber Opfer bleiben es. Das ist Teil des Dramas. Und ein gutes Drama (daraus) zu schaffen ist eine hohe Kunst, die uns auf dem Weg zum Ziel davor bewahrt, selbst zum Opfer zu werden.