Wie besoffen im Berufsverkehr

Ich gebe zu, ich werde alt und brauchte daher eine neue Brille. Um Komplikationen zu vermeiden, nahm ich viel Geld in die Hand und ging zum Optiker mit dem besten Ruf hier in der Nähe. Ich wollte den vollen Durchblick um jeden Preis — in der Annahme, dass dann nichts mehr schief gehen kann. Prompt passierte das Gegenteil.

So viel weiß ich jetzt: Ein Besuch beim Augenoptiker ist eher wie eine Fahrt im Suff. Es muss nichts passieren, aber wenn, dann hat es nicht wieder gut zu machende oder langwierige Folgen.

Als ich die neue Brille abgeholt habe, war das Sehgefühl sehr ungewohnt, leicht unscharf, was ich der Optikerin höflich sagte. Sie sagte mit tieferer Stimme, die Brille sei korrekt. Ich dachte: Deutschen Handwerkern und Ingenieuren widerspricht man nicht. Für die würde es einen totalen Gesichtsverlust bedeuten, dem Kunden irgendwie entgegen zu kommen oder gar Mängel an der eigenen Arbeit (oder Beratung oder Vermarktung) zuzugeben.

Also hielt ich mich an die Anweisung, die Brille 2 Wochen lang auf zu behalten, um mich daran zu gewöhnen. Das Problem dabei: Ich benutze eine Brille hauptsächlich zum Autofahren. Und auf dem Weg nach Hause hätte es beinahe gekracht. Nicht weil ich Schuld gehabt hätte, sondern weil mir der echte Mr. Magoo höchst persönlich mit seiner neuen S-Klasse die Vorfahrt geklaut hat.

Da ich schnell reagiert habe, ist nichts passiert. Dieser – wahrscheinlich demente, aber wohlhabende – Greis fuhr dann im Rollator-Tempo in Schlängellinien vor mir her. Überholen war unmöglich. Zudem war er Nichtblinker, welches die fortgeschrittene Form des Spätblinkers ist. Er fuhr so, als ob er allein auf der Straße wäre und nicht recht wusste wohin.

Dann stellte er sich schräg, fuhr wieder ein Stückchen und hielt mitten auf einer leeren Kreuzung an an. Bei Grün.

In dem Moment als ich dachte „jetzt ist er wohl gestorben“, legte er den Rückwärtsgang ein. Er fuhr wieder. Allerdings rückwärts. Und das schneller als zuvor. Aber nur so weit bis ich gehupt habe um den nächsten möglichen Crash zu verhindern. Dann aber hat er sich endlich entschieden, rechts – nein warte – links abzubiegen. Gott sei dank!

Mir ist das Fahren vorerst vergangen. Aber ich musste mich ja an die neue Brille gewöhnen und damit gleichzeitig von meiner alten entwöhnen. Als Kurzsichtiger muss ich daher in die Ferne gucken. Das heißt Fernsehen.

So rückte ich den Sessel möglichst weit weg vom Fernseher, setzte mich entspannt hin und schaltete ein. Nach ein paar Sekunden bekam ich den nächsten Schreck. Und der war noch nachhaltiger als der eben im Stadtverkehr. Ich sah einen rothaarigen Transvestiten. Grinsend. In Großaufnahme. Nein warte, es war Andrea Sawatzki. Junge, die Frau gehört nicht ins Fernsehen, sondern in die Geisterbahn.

Also schnell umschalten… nochmal Sawatzki… umschalten… wieder Sawatzki… keine Chance.

Im ernst, ich wollte nicht, dass bei dem Anblick die neue Brille kaputt geht.

Deshalb warf ich eine Blue-ray rein, mit Kristen Bell, nur um mich vom Sawatzki-Fluch zu entgiften. Danach schaute ich eine Blue-ray mit Al Pacino, um zu lernen, wie ich demnächst bei meiner Optikerin auftreten muss, falls sie zickig wird und die Brille nicht zurücknehmen will.