Der moderne Quasimodo

Keiner will mit oder von ihm gesehen werden. Und vor allem, keiner will ihn sehen. Er weiß das. So will er auch keinen sehen. Der hässlich-buckelige Typ, der Kinderschreck, der sich nur Nachts heraus traut und scheinbar nichts anderes zu bieten hat, außer Abschreckung. Er braucht keine unsichtbaren Mauern aufzubauen. Er lebt bereits darin.

Und er hat seinen Weg, diese zu durchbrechen. Durch das, was er liebt, durch das Leuten der Glocken von Notre-Dame.

Das war seine Ausdrucksform, seine Kunst. Nur wie sieht es heutzutage aus? Wo ist Quasimodo jetzt?

Er ist bei seiner Kunst, wie immer. Und nur dort. In Gedanken und real.

Wenn er bisher Kunst gemacht hat, wurden und werden viele seiner Kunstwerke nur ihrer Seltenheit, ihres Marktwertes beachtet. Sofern seine Kunst selten genug ist und daher einen Markt(wert) hat. Um die Kunst selber ging es dabei auch eher selten. Das ist das eine.

Das andere ist, dass es den typischen Quasimodo bis zum heutigen Tage genauso ergeht. Exakt wie früher, genau wie zu Victor Hugo’s Zeiten, dem ‚Erfinder‘ von Quasimodo.

Dinge, Produkte oder Projekte, die von Unternehmen veröffentlicht, herausgebracht, beworben, gefeiert werden und von der Öffentlickeit geschätzt, bewundert, gefeiert und schließlich gekauft werden, haben als Urheber immer einen Quasimodo im Glockenturm. Das heißt, der eigentliche Urheber, der Designer, Künstler oder Autor, der wird nur selten oder gar nicht genannt. Genannt wird er nur, wenn er selber vorzeigbar oder eine prominente Marke ist oder genug Einfluss ausübt. Nur dann kann er es durchsetzen, erwähnt zu werden. Meist passiert es nicht.

Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist, dass vor nicht all zu langer Zeit die großen amerikanischen Autokonzerne alternative Designentwürfe ihrer Designer immer vernichtet haben, um nicht vom Endprodukt abzulenken, die von den Konzernlenkern zur Produktion frei gegeben wurden.

Zudem werden Künstler und Kreative Leute oft als wenig gesellschaftsfähige Einsiedler wahrgenommen. Und viele sind es auch.

Es gibt bekannte Größen, die ungern in der Öffentlichkeit auftreten oder überhaupt gesehen werden wollen. Der Musiker Mike Oldfield ist (oder war) ein bekanntes (und passendes) Beispiel dafür. Richard Branson mußte Oldfield am Anfang seiner Karriere trotz Vertrages und fester Gage noch einmal beschwatzen und ihm seinen privaten Bentley dazu geben, um ihn nur einmal auf die Bühne zu kriegen.*

Jeder wird wird auf eine gewisse Art unterschätzt, fehleingeschätzt oder sogar abgewiesen. Jeder unterschiedlich.

Manche weisen sich zudem selbst ab. Auch und gerade populäre Zeitgenossen. Dafür gibt es viele Gründe, die bei jedem anders sind – teils innerlich, teils äußerlich. Und es gibt auch viele selbstverliebte Narzissten und Exhibitionisten, die sich auffälliger präsentieren und prominenter in Szene setzen.

Aber.

Was für Quasimodo die Glocken von Notre-Dame waren, das ist das Instrument oder die Stimme für Musiker, die Kamera für den Regisseur, das Material für Künstler und die Tastatur für den Autoren und… ganz speziell für den Blogger.

Durch Laptop und Internetanschluß können viele Quasimodos und Mike Oldfields auf ihre Art sich der Öffentlichkeit präsentieren. Und was meine ich mit „Öffentlichkeit“? Das wären nur die Leute, die als echte Bewunderer oder Fans von denen erfahren wollen. Niemand sonst.

Der heutige Quasimodo kann entscheiden, wem er sich mitteilen will (und von wem er wahrgenommen werden will) und von wem nicht.

Er zeigt sein digitales Ich. Und zwar so, wie er es früher nirgendwo sonst hätte tun können. Er zeigt die Person, die er wirklich ist. Der Künstler und Urheber. Der Marktwert seiner Kunst entsteht paradoxerweise nicht mehr durch Seltenheit, sondern durch die Verbreitung und durch die Verbindung mit den richtigen Leuten. Somit schafft er den Markt und gleichzeitig seinen Wert. Dies kann nur er selbst. Genauso wie das richtige Leuten der Glocken.

*Branson erzählt das in seinem ersten Buch Losing my Virginity