Opa’s neue Strickjacke

Meine Oma hat meinem Opa vor Jahren mal eine neue Strickjacke zum Geburtstag geschenkt, denn seine alte war bereits Jahrzehnte alt. Lesen Sie ruhig weiter, der Hammer kommt noch….

Opa hing an seiner alten Jacke. Diese war bereits durchlöchert, mit Flicken vernäht und die Knopflöcher waren größtenteils aufgerissen. Jene wurden nur noch von Draht zusammengehalten. Opa war sparsam und hat alles selbst repariert, den er war ja Diplom-Ingenieur.

Nach dem er nun die neue Jacke geschenkt bekam, bevorzugte er komischerweise weiterhin seine alte, hässliche Jacke. Die neue wollte er „noch“ nicht anziehen.

Meine Oma forderte ihn schließlich auf, die neue Jacke, die sie doch extra für ihn gekauft hatte, endlich mal anzuziehen. Opa wollte Oma nicht brüskieren und zog die neue Jacke nun doch an. Er wirkte jetzt mit seiner neuen Jacke sichtlich zufrieden. Jeden Tag zog er sie an. Oma freute sich.

Die Sache hatte nur einen Haken. Er schwitze damit ziemlich, obwohl es kalt war. Oma meinte, er solle die Jacke doch für einen Moment ausziehen. Opa aber schlug vor, die alte Jacke wieder anzuziehen, dann wäre ihm kühler und wohler. Das komische daran war nur, dass die alte Jacke sogar noch dicker und wärmender war als die neue.

Oma durchschaute das Spiel und forderte ihn auf, die Jacke jetzt hier und sofort auszuziehen, denn er sei ‚doch nicht nackt darunter‘. Nach erheblichem Druck sowohl von Oma als auch von seinen Hitzewallungen zog er die neue Jacke endlich aus. (Welch eine Ironie.)

Und was hatte er darunter? Die durchlöcherte 40 Jahre alte Jacke. Oma zeigte Verständnis, denn sie kannte ihren Mann ziemlich gut. – Wenn man 2 Jacken übereinander an hat, dann schwitzt man halt.

Wir sind Gewohnheitstiere und unser Vertrauen gilt nicht zwangsläufig immer nur den neuen Dingen oder den lieb gemeinten Zuwendungen der Ehefrau. Obwohl der Beglückte dies wertschätzen sollte.

Oma wollte es Opa mit einer neuen Jacke recht machen und Opa wollte zwar keine neue Jacke, aber es Oma recht machen, indem er eine Show aufführte und die neue über die alte zog. Wir versuchen es jeden recht zu machen, auch uns. Manchmal ist schon eine Person zu viel. Trotz Kompromissen.

Man kann niemanden genauso wenig etwas aufzwingen, wie man es ihm wegnehmen kann.

Alternativ könnten wir lernen, jemanden das zu geben, was er will. Kein Produkt wird aufgrund seiner Funktion gekauft, sondern damit wir uns damit wohl fühlen. Sorgen lieber wir dafür, dass sich jemand mit unserem Tun wohl fühlt. In dem Fall dürfen wir ruhig kompromisslos kompromisslos* sein.

* kein Schreibfehler, sondern doppelte Absicht