Sie haben Shorty geschnappt

Mein derzeit kleiner Lieblings-Narco Joaquín Archivaldo „El Chapo“ Guzmán ist nach fast 13 Jahren Flucht von mexikanischen Marines und der DEA hinterrücks eingefangen worden. Tolle Leistung, genau jetzt, da womöglich längst schon andere das Ruder im Sinaloa-Kartell übernommen haben.

Manchmal habe ich den Eindruck, Politiker warten erstmal ab, bis neue Bösewichte nachgewachsen sind. (Was im Normalfall problemlos vonstatten gehen sollte.) Der Nachwuchs muß gesichert und zugleich der Zeitpunkt politisch günstig sein, um eine gereifte Trophäe präsentieren zu können.

In der Zwischenzeit gab es in West-Mexiko ein bischen Bürgerkrieg zwischen 2 Armeen. Die eine Armee wurde befehligt von der Politik, die andere wurde befehligt von den offiziellen Kriminellen. [Letztere gerieten seit ehedem auch untereinander aneinander. Aber eben nicht nur, was häufig verschwiegen wird.] Es war ein lebenfressendes Schauspiel, ein hirnloses Dauerdrama.

Das Böse bekämpft das Böse. Die einen verbieten. Die anderen umgehen oder brechen die Verbote.

Die Dritten in diesem Trauerspiel, die sind das Volk, die Nichtreichen und Nichtmächtigen. Und jenes Volk ist parteisch, zumindest auf emotionaler Ebene. Für viele von denen sind die Gangster die einzig wahre Opposition. El Chapo war Opposition. Genauso wie Robin Hood Opposition war als es in England noch Wald gab.

Wie wahr das ganze ist, spielt keine Rolle. Der Mythos ist trotzdem da. Und dieser Mythos ist gefährlich für die Konkurrenz. Das sind weniger die anderen Kartelle, sondern die staatlichen Autoritäten und (die teils geschmierten, d.h. Schach-Matt gesetzten) Funktionäre.

Es ist ein Kampf Volk gegen Obrigkeit im doppeltem Sinne. Das Volk (glaubt, es) wird vertreten von den Narcos, der Drogenelite. Letztere stammen ursprünglich aus der Armut, aus der Not, nutzen und rekrutierten die eigenen Leute aus genau diesen Schichten und schufen somit eine Parallelwelt.

Aus meiner Sicht ist es erstaunlich, was staatliche Verbote alles hervorbringen können. In Mexiko wurden durch „legale“ Machtkonzentration, Interessenspolitik und diskriminierende Gesetze gegen die unteren Schichten die heldenhaften und beliebten Kartelle samt ihrer Figuren hervorgebracht.

Man muß sich mal einen normalerweise zurückgezogen lebenden deutschen Milliardär vorstellen, der sich (fast) unangekündigt in der Öffentlichkeit (z.B. Restaurants) blicken läßt, erwartungsgemäß einen auf „Boss“ macht (z.B. Mobiltelefone einsammeln läßt), aber jedem, den er sieht, persönlich die Hand schüttelt, sich vorstellt und sich für sein paranoides Auftreten entschuldigt. – Auch wenn es Stunden dauert, bis es ins Hinterzimmer geht. Drogenbosse sind halt hartnäckig. Aber auch volksnah.

In Mexiko ist es zudem keine Seltenheit, daß Volkslieder, besser glorifizierte Loblieder über Drogenbosse gesungen werden. Von den dortigen Politikern oder Konzernbossen ist mir das allerdings nicht bekannt. Die scheinen weniger beliebt sein.

Seit Gerhard Schröder – dessen Getue mich manchmal an den Yew Yorker Mafiaboss John Gotti erinnert – hat es in Deutschland keiner mehr zu einem Liedchen geschafft. Ich hingegen sollte vielleicht schon mal etwas zunehmen, weniger grimmig gucken und mir einen Schnurrbart wachsen lassen. Nur, mit meinen 1,91m wirke ich dann nicht ganz so knuddelig wie „El Chapo“.