Die Unwucht

Wenn fast nur noch frischstudierte Regelbefolger in die lukrative Welt des Big Business oder in die Politik stolzieren, dann nennt man das Karriere. Diese einzelnen Karrieren ähneln sich auf beängstigende Weise. Bei all diesen Leuten sind die jeweiligen Lebenswege gleichmäßiger vorgezeichnet, als ihre Toni&Guy-Scheitel.

Charakterliches Wachstum ist dadurch ausgeschlossen. Es flutsch ja alles wie geschmiert. Das schmierige Ergebnis kennen wir.

Alle wollen das gleiche und alle wollen vorne sitzen. Wie in einem Fahrzeug, daß ich mal hier exemplarisch für unsere Gesellschaft nehme. Ein gewisser Teil der Gesellschaft sitzt da nicht mit drin. Die sind schlichtweg zu schmutzig oder nicht fein genug. Und das sind (bissige) Underdogs. Einige von uns, mich inbegriffen, gehören zu diesen Underdogs. — Aber zurück zum Fahrzeug:

Wenn dann ein bischen Fremddynamik (durch Leute, wie uns) hinzukommt, dann entsteht eine Unwucht, ein Schlackern am Lenkrad. Wir sind die Unwucht, die Beule oder der häßliche Klumpen an deren schicken Rad. Wenn das Lenkrad anfängt zu vibrieren, dann stört das beim Fahren und man nimmt uns auf unangenehme Weise wahr. Oder man ignoriert uns, bis irgendwas bricht.

Es macht wenig Sinn, Systemabsolventen daran zu hindern Systemverwalter und Machterhalter zu werden. Und es ist zwecklos, sich über die gesellschaftlichen Verhältnisse zu beklagen.

Es macht aber Sinn teilzuhaben, auf unsere unartige Art. Art in doppeltem Sinne. Die Zöglinge haben ihre gelackte Elitenkarriere. Wir haben unsere Lebenserfahrung, unsere Echtheitsgarantie und unsere geladene Pump Gun. Letztere gibt es in den Ausführungen Kunst und Entrepreneurship.

Der Luftstrombesen

Erst gestern unterhielt ich mich mit jemanden. Es ging um das Internet und was man alles dafür braucht, um online zu gehen. Mein Gesprächspartner hat noch nie einen Computer angefasst und kennt das Internet nur aus dem Fernsehen oder vom Hörensagen.

Ich erklärte ihm geduldig wie es im Groben funktioniert. Beim Wort Browser sagte er dann „Anzeigegerät“ (obwohl es kein Gerät, sondern ein Programm ist.) Bei Surfen oder Anklicken sagte er „blättern“, wie in einer Zeitschrift. Ich könnte wetten, daß dieser ältere Herr – falls er sich für’s „Einklinken“ ins Web entscheidet – in einigen Wochen dieselben Begriffe verwendet, wie ich.

Technik ist gewissermaßen auch Kultur. Nichts hat unsere Sprache aber so verändert, wie das Internet. Technische Neuheiten waren schon immer umständlich zu beschreiben, solange man diese nicht selber nutzte. Spachliche Vereinfachungen kamen später bei der Masse der Nutzer hinzu. (Motorwagen(Benz)=Personenkraftwagen/Automobil=Auto.)

Ich las mal ein altes Buch, das kurz nach der [vorletzten] Jahrhundertwende erschien. Darin war die Rede von einem merkwürdigen Luftstrombesen, der sogar schon mit dieser elektrischen Energie wie in der Industrie gespeist wurde. Es war ein Staubsauger.

Wie sinnlos darf Kunst sein?

Eigentlich ist die Frage überflüssig. Kunst ist am Anfang immer sinnlos, anarchisch oder chaotisch.

Einen Sinn erkennt man erst hinterher, wenn überhaupt. Meiner Meinung nach ist Kunst nicht wirklich erklärbar. Und manchmal ist sie auch nur (ein kleiner) Teil einer sinnvollen Sache, gibt ihr aber das gewisse Etwas oder gerade den entscheidenen Wert.

Kunst ist keine Wissenschaft, obwohl einige so tun.

Wenn Sie Ihrer Kunst Sinn geben wollen, dann können Sie jederzeit welchen in Ihr sinnloses Kunstwerk hineinpacken. Oder auch nicht. Wenn Sie es nicht tun, dann tut es womöglich derjenige, den Sie mit Ihrer Kunst ansprechen. Beides macht auf seine Art Sinn.

Fachkräftemangel hat es nie gegeben und gibt es auch heute nicht

Der Riß im System wird allmählich größer. Die deutsche Industrie(politik) jammert immer häufiger vom Fachkräftemagel, und das bei einem stetig sinkenden Industrialisierungsgrad.

Es mangelt nicht an Fachkräften, sondern an der abnehmenden Bereitschaft diese angemessen zu bezahlen. Das erzählen die Fachkräfte.

Ich gehe noch weiter, indem ich behaupte, daß der „Fachkräftemangel“ eine dreiläufige Wumme der Großindustrie ist. Diese ist sowohl eine politische Drohung (1) als auch Alibi (2), um Betriebe (Forschung & Entwicklung, Produktion etc.) ins Ausland zu verlagern. Und sie ist in letzter Konsequenz eine Machtdemonstration (1+2=3).

Das System stinkt. Heutzutage bereits sogar ohne die rauchenden Schornsteine. Falls Sie Fachkraft sind, dann schaffen Sie besser bald Ihr eigenes System. Wenn nicht Sie, wer sonst könnte das?

Ein modernes Paradoxum

Die etablierten Idustriegiganten, die Großkonzerne, machen – von Ausnahmen mal abgesehen – momentan so viel Reibach wie noch nie in ihrer Geschichte. Die Anstiege der Profite können Sie in jedem Wirtschaftsfachblatt nachlesen. Dasselbe gilt für die Aktienwerte. Trotzdem wird zur Zeit so viel bei denen gejammert und Druck gemacht, wie (genau!) noch nie in der Geschichte.

Wenn ich es nicht besser wüßte, dann würde ich von pathologischer Schizophrenie reden. Allerdings ist mir dann aufgefallen, daß es wohl einen Grund für deren Verhalten gibt. Die Vorstände benehmen sich wie Räuberbarone, denen ihr eigenes Abzockmodell zurückzuschlagen droht. Da schwebt halt ein bischen Angst mit.

Anders ausgedrückt, der Bumerang befindet sich im Anflug. Und dafür brauchen die wohl ein dickes Polster, um den Schlag abzumildern. Dieses finanzielle Polster bräuchten die aber nicht, wenn die sich eben dieses finanzielle Polster durch Abzockerei nie angelegt hätten.

Mehrwert und (umfassende) Nachhaltigkeit stelle ich mir anders vor. Wer gegen große (und auch kleinere) Abzocker antreten will, hat die besten Chancen, indem er genau das Gegenteil dessen tut, was die machen. Aus Sicht des Kunden agieren und mit ihm gemeinsam profitieren. Langfristig.

Hexerei ist erlaubt

Falls Sie für Ihre Kunden den vielbeschworenen (und unabdingbaren) Mehrwert schaffen wollen, dann kommen Sie mit reiner Wissenschaft allein nicht mehr weit.

Gute Produkte sind mehr als die Summe der Teile oder die technischen Daten. Guter Service ist mehr als das Abarbeiten geforderter Leistungen und dressierte Freundlichkeit.

Zu viele (Jung-)Unternehmer erschaffen ein Produkt wie eine Handelsware, und einen Service wie eine Pflichtübung. Vermarktet wird dann alles wie ein Kunstwerk, so als wenn nur ein paar Auserwählte Leute deren Angebot zu Gesicht bekommen würden.

Wenn Sie nun – umgekehrt – Ihr Produkt wie ein Kunstwerk kreieren oder Ihren Service als Aufführung inszenieren und dies alles wie eine Handelsware vermarkten, dann haben Sie schon ein viel leichteres Spiel als bei der zuerst beschriebenen Variante.

Brisant – im positiven Sinne – wird es, wenn Sie beide genannten Varianten kombinieren. Dann brauchen Sie keine teure Vermarktungstrategie im herkömmlichen Sinne mehr. Um dies hinzubekommen bedienen Sie sich am besten der Alchemie, Hexerei oder Magie.

Denken Sie wie ein Künstler. Aber: Kunst ist kaum rational erklärbar wie es eine Wissenschaftliche Formel ist. Trotzdem, tun wir mal so, als ob es eine Formel wäre.

„Backen“ Sie alles in einen „Teig“ hinein, der Ihre persönliche Geschichte ist. Das hat kein anderer, außer Sie selbst. Geben Sie ihre Geschichte weiter. Wenn diese erzählenswert ist, dann umso mehr.

Ihr Produkt oder Service ist Teil der Geschichte, wie die Oliven auf der Pizza. Mindestens. Sie transportieren die Geschichte und die Geschichte transportiert Ihr Angebot. Es ist alles eins. Sie sind, was sie anbieten. Sie liefern somit Ihre Echtheitsgarantie ab.

Das wirkt im (sehr wahrscheinlichen) Erfolgsfall auf andere dann wie eine Art Hexerei oder Alchemie.

An die heute hier beschriebene brisante Zutat „persönliche Geschichte“ trauen sich leider nur wenige heran. Das bereitet vielen Entrepreneuren, auch Künstlern, unbehagen. So wie Hexerei eben, wofür man angegriffen werden könnte weil es öffentlich geschieht. (Ein deutsche Lähmungserscheinung.)

Eine Art Hexerei hat man erfolgreichen Unternehmern schon oft vorgeworfen. Mein Tip? Hexen Sie was das Zeug hält! Aber passen Sie auf, daß Sie nicht daneben hexen. Erzählen Sie Ihre eigene Geschichte. Wie Sie das tun ist völlig egal. Dafür brauchen Sie weder Strategie noch Wissenschaft.

Stolz ist tödlich

Falls Sie stolz sind, dann sind Sie erledigt.

Jemand sagte mal, daß man sich von Stolz nichts kaufen kann. Die Aussage stimmt, weil Stolz macht irgendwann handlungsunfähig. Vor allem, wenn man sein eigenes Ding drehen will. Vorher sollte man sich entstolzen, quasi auf Entzug gehen.

Wenn man Stolz allein als Meßgrösse nimmt, dann ist Deutschland geradezu zugepflastert mit Stolzleichen.

Falls jemand denkt, daß seine Erfolge nur auf dessen eigener Leistung beruhen, dann schwebt derjenige schon in akuter in Lebensgefahr. Warum? Er kann vor lauter Stolz kaum noch laufen und wird unbeweglich. Er erstarrt regelrecht vor dem eigenen Stolz. Zu Ergebnissen aller Art tragen immer auch andere Menschen und viele weitere Faktoren bei, die wir eben nicht beeinflussen können.

Stolz wirkt schlimmer als jede Droge, inklusive Geld und Macht. Und Stolz ist wie eine Falle, aber komischerweise trotzdem immer wieder verlockend. Für einige zumindest. Denn Stolz ist eine suggerierte Dekoration. Gewissermaßen eine Mischung aus Aussenwirkung und Einbildung.

Große Konzerne, Organisationen und Institutionen nutzen das gern aus, um ihre (potentiellen) Angestellten, Beamte, Zöglinge und „Kunden“ erst zu locken und danach auf Trab zu halten. Die werben offen mit Stolz. Das ist Junkie-Marketing.

Hier hakt das Prinzip „Droge“ wieder ein. Wird der Stolz entzogen (z.B. bei  Fehlern oder Abweichlertum), gibt es heftige Entzugserscheinungen, die schlimmstenfalls den Tod zur Folge haben. Man nennt das Scham. Einige sterben schon aus purer Angst vor diesen Entzugserscheinungen. [Demütigung würde ich als kalten Entzug bezeichnen.]

In einer Schamgesellschaft ist Stolz einer der Grundpfeiler der Staatsreligion „Leistung“. Deshalb haben wir in Deutschland das Problem, daß Stolz als anzustrebende Tugend gepriesen wird.

Stolz (zu sein) ist nicht nur tödlich, sondern bis dahin (Tod) auch äusserst anstrengend. Seien wir von Zeit zu Zeit lieber dankbar für alles gute und wohlwollende, das erleichtert vieles. Setzen Sie sich nicht selbst unter Druck, indem sie Ansehen bei anderen nachjagen und sich davon vollends abhängig machen. Sie haben die Wahl: Entweder Sie sind Stolz oder Sie sind Sie selbst.

Kreativität richtig beleuchten

In unserer Gesellschaft und in einigen anderen (z.B. Japan) ist Kreativität wenig angesehen und praktisch nichts wert. Man macht sie mies und ignoriert ihre Zeichen so oft bis man sie nicht mehr erkennt. Manchmal äußern sich kreative Anflüge auf andere Art, als wie man es erwarten würde:

Floh im Ohr = Inspiration.
Spinnerei = spielerische Problemlösung.
Müßiggang = schöpferische Energie.
Ruhe = Kraft.
Sorglosigkeit = wichtiger Ratgeber bei schwierigen Entscheidungen.
Flausen = Schlechte Ideen = Gute Idee.
Peinlich = Mutig.

In zu vielen Köpfen ist zu wenig Licht, um innere Schätze zu erkennen. Wie wär’s zur Abwechslung mal mit einer dekorativen inneren Festbeleuchtung. Kinder haben diese Beleuchtung an. Als Erwachsener müssen Sie sie nur wieder einschalten (wollen).

Überbleibsel

Irgendwas bleibt immer hängen. Als Erinnerungen aus der Vergangheit, alten geglückten (oder gescheiterten) Projekten und aus (zerbrochenen) Beziehungen. Auf den ersten Blick erscheint vieles davon sinnlos. Ist es aber nie gewesen. — Wenn Sie es nicht bedauern.

Wir bestimmen, ob es sinnlos war oder ob wir unsere Zeit verschwendet haben oder nicht. Es bleibt immer etwas hängen. Und das sind Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse. Ohne die wären wir nicht, die wir sind.

Geben wir diesen Überbleibseln keinen Sinn, schafft das Unsicherheit in unseren momentanen Projekten. Die Gefahr weiterer, vermehrter Sinnlosigkeit besteht. Dann gibt es wirklich was zu bedauern.

Wenn Sie Ihren vermeintlich sinnlosen Taten Sinn geben, dann hilft Ihnen das, sich selbst besser zu begreifen und dadurch verstärkt sinnstiftend zu sein. Dann hat alles, was in Zukunft so übrig bleiben wird bereits jetzt einen höheren Wert.

Honeckerismus

Was glauben Sie passiert, wenn der Bundespräsident oder gar Mutti zu Besuch kommen? Alles sieht super aus. Es wird gefegt, bis der Besen Feuer fängt und poliert, bis man sich die Augen verblitzt. Wieso?

Die besuchen (fast) nur Großkonzerne. Und bei denen gibt’s Heile Welt. Die Elite besucht die Elite. Es ist so, als wenn die Verwandtschaft zu Besuch kommt. Da ist man zwar froh, wenn die wieder weg sind. Aber solange die da sind, gibt man ein gutes Bild ab. Es wird getäuscht und getrickst.

Das ist wie früher in der DDR als Erich Honecker zu Besuch kam. Wo der sich gerade aufhielt oder langfuhr, da wurden Straßen saniert, Fassaden verputzt und neue Bäume verpflanzt. (Die alten kamen vorher raus.) Wenn er anschließend zur Jagd ging, wurden extra viele Viecher in unmittelbarer Nähe freigelassen, die alle vorher stark betäubt wurden, damit er sie auch noch im Suff traf.

Honecker kam nie zu den normalen Leuten oder wollte wissen, woran es wirklich hapert. Erich, besser seine Regenten, glaubte(n) bereits zu wissen, was gut für’s Volk war. Für Erich gab es nur einstudiertes Geschauspiel mit einigen Vorzeigebürgern, die hübsch bekleidet den lumpigen Rest „vertraten“. Danach hat er seine Rede gejault, bis einem das Ohrenschmalz heiß rauslief.

Diesen Honeckerismus praktizieren Spitzenbeamte auch heute wieder. Solange die nur die Machteliten besuchen, sind sie unberührt von den Untertanen. Komischerweise hat dies auch gewisse Vorteile. Wir bleiben bis zu einem bestimmten Grad unbehelligt. – Solange man sich nicht an die Regeln hält.

Halten Sie sich aber an die Regeln, so werden Sie bemerkt. Der Grund dafür ist, daß jeder streng nach den Regeln lebt und arbeitet. [Unde dadurch leichter nach geltenden Normen bzw. Regeln kontrolliert bwerden kann.] Das ist wie mit einem Radar. Wenn Sie tief genug fliegen und die Strahlen noch etwas ablenken, erscheinen Sie nicht oder nur sehr verschwommen auf dem Schirm. [Sie unterlaufen somit einer gewissen Kontrolle, die nicht erwartet, daß Sie die Regeln brechen.]

Regeln sind nicht zwangsläufig Gesetze. Das können sie aber werden. Daß genau dies bei zuviel Duckmäusertum passieren kann, hat bereits die DDR und davor der tobsüchtige Giftzwerg mit den Ölhaaren bewiesen. Dem sollten wir (Entrepreneure, Künstler, Nonkonformisten, Outlaws) vorbeugen.

In der DDR ging es den damaligen Machteliten ganz gut. Aber nicht jeder gehörte dazu. Von den gemeinen Bürgern waren die am gefragtesten und damit am erfolgreichsten, die in den Stealth-Modus schalten und abseits aller Regeln improvisieren und für andere Nutzen stiften konnten. – So wie Entrepreneure das heute tun. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie Unternehmer oder Komiker sind.