Die Kolumbianer und Ich

April 1998, Dallas, Texas, U.S.A., Stadtteil Deep Ellum. Nachts ca. 2:00 Uhr. Feuchte, leere Straßen. Ein paar vereinzelte Harleys blubbern noch umher. Die Gegend gilt als gefährlich und nur 2 Nächte nach eben dieser Nacht gab es dort auch schon den nächsten Toten durch eine Schiesserei. Das erfuhr ich dann aus dem lokalen Fernsehen.

Zurück zur Nacht, wo ich dort war. Ich war müde und wollte zurück ins Appartment am anderen Ende der City, in dem ich vorrübergehend wohnte. Ich lief die Straße weiter entlang, allein, und hoffte noch ein Taxi zu erwischen. Aber da kam kein Taxi mehr.

Um genau zu sein, da fahren zu der Zeit keine Taxis mehr. Es war schon 2.45 Uhr. Die Müdigkeit verschwand wieder und Ich wünschte, ich hätte ein Bier oder einen Fahrer. Oder was weiches unterm‘ Hintern. Oder alles gleichzeitig. Das war in dieser Situation ein Traum von Luxus, aber ich hatte mich nunmal in eine dunkle Gegend verlaufen. Punkt.

Ich merkte, wie hinter mir ein Auto relativ langsam heranfuhr. Ich drehte mich um und dachte: „entweder Taxi oder Cops“. Nein, es war ein großer, lauter GMC-Van, wie der vom A-Team aus dem Fernsehen. Soviel konnte ich erkennen. Hören konnte ich zusätzlich noch Musik, Thrash Metal. Der Van kam direkt vor mir zum stehen, die Musik wurde leise, die seitliche Schiebtür ging auf.

Ich sah, daß der Wagen voll besetzt war mit am ganzen Körper tätowierten Rockern und Metal Heads und einer rief mir zu: „Get on!“ Ich zuckte mit den Schultern und dachte „Was soll’s..“ und stieg in den Van. Es war ja auch kalt, draußen um diese Zeit….

Sie kamen aus Medellín

Jetzt im Ernst, ich vertraute den Leuten im Van, denn ich kann Menschen und Situationen innerhalb weniger Sekunden gut einschätzen. Also, ich stieg ein, machte die Tür zu und begrüßte die Gang und stellte mich vor. Ich bedankte mich, daß sie extra für mich anhielten.

Sie fragten, was ich in dieser Gegend suchte und belehrten mich noch, wie gefährlich es dort sei und man lieber nicht zu Fuß gehen sollte. Ach so! Die sahen selber gefährlich aus, aber das hatte seinen Reiz.

Während wir fuhren, erzählten sie, daß sie aus der Stadt Medellín in Kolumbien kommen und selber zu Gast „Tejas“ wären. Der eine machte eine Box auf und gab mir ein kaltes Bier. Mein Traum wurde promt (und ungefragt) erfüllt.

Als wir am Appartmetblock ankamen, standen wir noch bis Sonnenaufgang auf dem Parkplatz und unterhielten uns, und tranken noch ein paar Biere. Zum Schluß wollten sie nicht mal Geld von mir haben. Diesen Menschen war wohl ein interessantes Gepräch lieber als irgendwelche Kohle. Es war eines der besten Erlebnisse, die ich je hatte. Wer weiß, wo ich gelandet wäre, wenn sie einfach an mir vorbeigefahren wären.

Natürlich weiß ich, daß ganz speziell Kolumbianer häufig mit Kidnapping und Entführungen in Verbindung gebracht werden. Und daß es Kolumbianer waren, erfuhr ich erst nachdem ich zustieg und der Wagen schon fuhr, ich sozusagen das kalte Bier bereits in der Hand hielt. Auch das ist eine Art von Ironie. Die stereotypisch „Bösen“ sind die Guten. Diese Kolumbianer waren nicht nur hilfsbereit und spendabel, sondern hatten auch Witz, Humor und Lebenslust. Bunte, verrückte Typen eben.

Lebendige Inspirationen für das Hier und Jetzt

Klischees und Vorurteile kann man vergessen, denn es sind nichts weiter als… eben Klischees und Vorurteile. Und wer sicher leben will, der wird in Langeweile versinken. Und wer mistrauisch ist, der mistraut sich zum gewissen Teil auch selbst. Und Angst sorgt dafür, das man nichts bewußt erleben, genießen oder wahrnehmen kann.

Eine offene Einstellung gegenüber Fremden ist eine Vorraussetzung für Inspiration. Und diese Einstellung fällt vielen Deutschen immer noch schwer. Bitte verwechseln Sie nicht diese Einstellung mit der iquisitorischen Aufdringlichkeit, die insbesondere ältere Deutsche an den Tag legen. (Stichwort Nachbarn.) Ich meine das Gute im Menschen zu sehen, ohne Vorurteil.

Hat diese Geschichte etwas mit dem Klokain-Kartell zu tun? Ja, es ist eine der Inspirationen, eine von mehreren unbewußten Einflüssen, die ich irgendwie brauchte. Ich war ja aus einem bestimmten Grund in dieser hier beschriebenen Gegend.

Kreativität braucht Inspiration. Und die hat man in gewissen Momenten, aber man kann nicht danach suchen oder diese Momente erzwingen. Die kommen, wenn man sie besonders in „absurden“ Situationen eher zuläßt oder „erlaubt“.

Die Frage ist nur, was wir in der restlichen Zeit (in unserem Alltag) daraus machen. Erlebt haben wir doch alle mal irgendwas schräges. Oder nicht?