Die Alternative zur Prostitution

Image by Alpha of Greedy Gourmets

Prostitution ist zu glauben, Dinge, die man hasst gegen Bezahlung zu tun, weil man keine andere Wahl hat.

Einige Leute, die nicht nur die Sonnenseiten des Lebens genießen oder genossen haben, würden mir da zustimmen. Vorerst.

Aber: Das mit dem „weil man keine andere Wahl hat“ ist eher eine Ansichts- oder Aussichtssache.

Je nach dem, wie viel Sichtweisen, Ansichten oder Blickwinkel du auf eine Situation oder Sachlage oder Panne hast, soviel Aussichten hast du letztendlich.

Und aussichtslos ist es nur für den, der gar nichts von dem sieht (oder sehen will).

Du weißt ja, man hat immer eine Wahl.

 

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Bekannte, etablierte Leute in kreativen Berufen erzählen gern von ihren Prostitutionsphasen, die natürlich längst vorbei sind. Damit meinen die ihre Anfangsjahre, wo sie sich noch nicht den Namen gemacht haben, den sie heute haben.

Ein Designer beispielsweise nimmt anstatt tolle Produkte zu designen dann eben Aufträge oder Jobs an, wo er ermüdende oder monotone Drecksarbeiten durchführt, die sonst keiner (der etabliert ist) machen will. Warum?

Er bekommt nichts anderes, kein anderer Job, kein tolleres Projekt. Und er selber ist ja noch lange nicht so berühmt, dass er sich die Aufträge aussuchen kann. Denkt er, weil er nun mal denkt, keine andere Wahl zu haben.

Fakt ist, die Leute hätten schon eine Wahl. Sie wählen nur nicht gern.

Daher weichen sie genauso ungern vom einmal gewähltem ab. Denn dann müssten sie ja wieder wählen. Und jede Wahl birgt Unsicherheit. Allein schon wieder wählen zu müssen, heißt sich, wieder quälen zu müssen. Deshalb ist Angela Merkel auch so beliebt.

Die kreativen Leute trauen sich nicht zu, einfach mal auf einen anderen Zug aufzuspringen. Nicht als Prostitution, sondern als Alternative zum „Design“ oder was auch immer. Selbst wenn der Zug (auf lange Sicht) in die richtige Richtung fährt. Sie beharren auf ihre einzige Linie wie die Titanic, obwohl der Eisberg schon in Sichtweite ist.

Dabei muss der ‚Zug‘ nicht einmal in die richtige Richtung fahren. Er muss nur fahren. Und der Kreative Mensch muss dann und wann springen. Gemütlich machen kann er sich es nicht. Die Zeiten sind vorbei, seitdem das Internet mehr Wert transportiert als die Eisenbahn.

In der Praxis ist die direkte Herangehensweise nicht immer die beste. Weil sie zu kurzfristig ist. Das ist wie als wenn man trockenen Kaffeeweißer sofort einrühren will. Der verklumpt nur. Besser man lässt ihn ’sinken‘. Dann kurz umrühren.

Der Designer (Oder Musiker, Maler, Regisseur, Schauspieler, Entrepreneur) denkt: „Ich will den Erfolg so schnell wie möglich, je früher desto besser, also gleich.“

Oder a-la Pille: „Ich bin Designer und kein Kloputzer.“/“…Unternehmer und kein Sklave.“/“…Arzt und kein Maurer.“

Oder: „Ich muss den Fuß in die Branche kriegen, egal wie, und wenn ich mit Merkel ins Bett steigen muss.“

Oder mein Liebling: „Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll.“

(Doch, weiß er. Er weiß nur nicht, dass er es weiß.)

Ja, es gibt auf der einen Seite den talentierten Auto-Mechaniker, der bei ATU Öl, Auspuff und Reifen im Akkord wechseln muss, um über die runden zu kommen. Und auf der anderen Seite gibt es diese namhafte Tuning-Firma oder jenen Profi-Rennstall, die genau so jemanden händeringend suchen. — Ihn aber nicht (wahrscheinlich nie) finden.

Dieser KFZ-Schrauber prostitutiert sich, indem er sein Talent verschwendet anstatt es zu nutzen. In einer Billig-Autowerkstattkette wird sich niemand für seine Fähigkeiten, Fahrzeuge zu veredeln interessieren. Daher…:

 

Quälen wir uns lieber einen Tag (oder zwei) mit der Wahl

Auch ein noch so brillanter Designer hat mehr Talente als immer nur Produkte zu designen. Ein Musiker ist nicht nur musikalisch veranlagt. Ein Fußballer sollte auch ohne einen Fußball mehrere Jahre überleben können. Und ein Schlosser kann auch mehr als nur an Autos oder Bikes zu schrauben.

Kurz, jeder hat mehrere Interessen, wovon er sich auf eines konzentriert. Eines nach dem anderen. Aber zuerst das, was funktioniert und zum Ziel führt. Und zum Ziel führen auch Hintertürchen, Umwege oder die Geisterbahn. Egal, wichtig ist die persönliche Art. Aber, darauf hoffen, entdeckt zu werden ist unpersönlich und anonym. Und wer anonym ist wird nicht entdeckt. Der bleibt was er ist, unpersönlich und anonym.

Prostituton ist immer unpersönlich. Aber persönliche Transaktionen, Interesse oder Geschäfte bringen uns näher als es jede Art der Prostitution je könnte. Jede gute Beziehung funktioniert nun mal persönlich. Wie sonst?

 

Zurück in die Werkstatt

Der Fall mit unserem Schlosser ist real, ich kenne ihn. Er fing an, Gemüse anzubauen, dass er auf dem Markt verkaufte. Er wurde umheimlich stolz auf seine Radieschen. (Wer ist schon stolz auf Prostitution?) Der Grund war, dass er auf Bio-Lebensmittel aus eigenem Garten steht.

Er beobachtete so ganz nebenbei die Situation bei den Autohäusern und erfuhr, wo die Kunden aus welchem Grund besonders lange warten mussten. Dort ging er hin und bot an, Nachmittags auszuhelfen, damit die Kunden ihre Autos schneller repariert bekamen. Einen Monat auf Probe ohne Bezahlung.

Inzwischen ist es zwei Jahre her. Jetzt wird er gut bezahlt, ist die Nummer Eins nach dem Chef und kann sich nichts anderes mehr vorstellen. Er entscheidet über Neueinstellungen, arbeitet jetzt auch nachts und am Wochenende. Nicht weil er muss, sondern weil er will. Ja, die haben mehr Kunden bekommen. Aber nicht nur das.

Er kann dort Oldtimer restaurieren und Rennwagen aufbauen — in eigenem Namen und auf eigene Rechnung, weil ihn der Inhaber seine Werkstatt und seine Beziehungen zur Verfügung stellt. Dieser erkannte dessen Talent (und kann die Schmuckstücke als Eyecatcher natürlich eine Zeit lang in den Showroom stellen).

Aus der Werkstatt wurde eine Wertstatt.

Beide vertrauen sich. Inhaber und Beschäftigter. Eine Vater-Sohn-Beziehung kann nicht besser laufen. Der Schlosser hat seinen persönlichen Weg gefunden, anstatt unpersönlich entdeckt zu werden.

Aber das eigentlich lustige an der Story ist, unser Schlosser hatte nie eine Ausbildung als solcher. Auch nicht als Gärtner. Trotzdem verkaufen sich seine Radieschen dieses Jahr besonders gut. Obwohl er sie nicht mehr selbst verkauft.

[Das Porky’s Nite Spot auf dem Bild oben ist ein Laden in „Sin City“ (Sydney), den ich von 1994 und 1995 selber besucht habe. Dort fühlte ich mich wie zu hause. — Falls du mal irgendwann – auch wenn nur aus Neugierde – dort aufschlagen solltest, bitte sei nett und behandle die Damen und die Angestellten dort gut.]

Immer dann…

German cops gathering in the middle of the street to discuss the working of their gun. Classic.
Original image by maartmeester Maarten van Maanen

…wenn das Wetter am schönsten ist und die Bullen mal was wichtigeres zu tun haben, als auf Kosten des Steuerzahlers an der nächsten Ecke herumzulungern, geht das Motorrad kaputt.

…wenn du kreativ sein und lustvoll und konzentriert arbeiten könntest, fängt der heimwerkende Nachbar an, mehr Lärm zu machen als es ein in Deutschland zugelassenes Motorrad je könnte.

…wenn du gerade dabei bist, eine attraktive Frau oder einen attraktiven Mann kennen zu lernen, gibt es irgend einen Notfall oder irgend eine Dringlichkeit (von jemand anderem), die dafür sorgt, dass du diesen Menschen nie wieder siehst.

…wenn du denkst, ‚jetzt ist endlich Ruhe‘, geht der Stress erst richtig los.

…wenn du dich fühlst, als könntest du Bäume ausreißen und gleichzeitig die Welt umarmen, fährt dich jemand um.

…wenn du dich sicher fühlst, denkst du hinterher „Mann, das war aber knapp!“.

…wenn du dich wie auf Messers Schneide fühlst, denkst du hinterher „Da war aber noch reichlich Spielraum, da hätte ich noch mehr raus holen können.“

 

Soooo, und jetzt dasselbe nochmal auf Klokain:

 

Immer dann…

…wenn das Wetter am schönsten ist und die Bullen mal was wichtigeres zu tun haben, als auf Kosten des Steuerzahlers an der nächsten Ecke herumzulungern, geht das Motorrad kaputt. Dann, ja dann fährst du eben erst wenn es kühler ist. Dann stehen keine Bullen, es ist weniger los auf den Straßen und beim Bikertreff kannst du dank der Wetterfühligkeit der Warnwestenträger mit dem Mopped direkt bis zum Tresen vorfahren.

…wenn du kreativ sein und lustvoll und konzentriert arbeiten könntest, fängt der heimwerkende Nachbar an, mehr Lärm zu machen als es ein in Deutschland zugelassenes Motorrad je könnte. Dann versuche es am nächsten Tag wieder. Oder gehe dir die Situation schön saufen oder aus dem Weg und woanders hin. Oder fahre Moped. Den ganzen Tag. Mit offenem Auspuff. Vor Nachbar’s Haus, wo es so schön knallt.

…wenn du gerade dabei bist, eine attraktive Frau oder einen attraktiven Mann kennen zu lernen, gibt es irgend einen Notfall oder irgend eine Dringlichkeit (von jemand anderem), die dafür sorgt, dass du diesen Menschen nie wieder siehst. Dann bist du eben cool und lässt die Dringlichkeit sausen. Was ist wichtiger? Nervige Leute mit nervigen Dingen, die du täglich siehst oder die attraktive Person, die du nur heute kennen lernst? Bitte sehr.

…wenn du denkst, ‚jetzt ist endlich Ruhe‘, geht der Stress erst richtig los. Dann sei noch stressiger als der Stress. Der verschwindet meist, weil er keine Konkurrenz ertragen kann.

…wenn du dich fühlst, als könntest du Bäume ausreißen und gleichzeitig die Welt umarmen, fährt dich jemand um. Dann schreibe einen Blog darüber, wie du die Bäume ausreißen und die Welt umarmen könntest, wenn dich nicht ständig einer umfahren würde. Dann lästere über Warnwestenträger.

…wenn du dich sicher fühlst, denkst du hinterher „Mann, das war aber knapp!“ Dann war es knapp, ja.

…wenn du dich wie auf Messers Schneide fühlst, denkst du hinterher „Da war aber noch reichlich Spielraum, da hätte ich noch mehr raus holen können.“ Dann weißt du jetzt mehr als ein blutiger Anfänger. (Bei was auch immer.)

 

Ärgere dich nicht…

…wenn dir jemand die Tour vermasselt. Denn aus der Vogelperspektive betrachtet sind alle unsere Lebensumstände auf unserem Mist gewachsen. Und wenn sie passieren, haben wir immer noch die Wahl: Wollen wir weiter machen oder nicht. Willst du? Dein Wille ist jedenfalls frei, zu entscheiden. Immer, nicht nur dann und wann.

 

Falsche Geschichten, Falsche Leute

Original Image by Jason Goulding

Mir hängt immer noch der Spruch eines Porsche-Abteilungleiters in den Ohren, der vor versammelter Mannschaft im Frühjahr 2001 mit seinem Mund in meine Richtung furzte: „Wir sind hier nicht, um die schöne Landschaft zu genießen, sondern um den uns gestellten Anforderungen gerecht zu werden und demnach Ergebnisse vorzuweisen.“

Der klang ganz so, als ob ich mich für so was wie Landschaft interessieren würde. Vor allem in der Gegend. Oder dachte der, ich bin freiwillig da, um erst mal auf dem häßlichen Betriebsgelände ‚German Urlaub‘ zu machen?!

Mit „Wir“ hat er „Sie“ gemeint, also mich, den „amerikanisch aussehenden Ossi“ (das hab ich gehört). Amerikaner und Ossi, das ist wohl die brisanteste Mischung der schlimmsten Feindbilder, die man sich in Greater Stuttgart vorstellen kann. So war jedenfalls mein erster Eindruck.

Der mürrische Porsche-Mann fuhr fort: „Wie sie wissen, entwickeln wir hier keine Trabis, sondern die besten Fahrzeuge der Welt, um die uns jeder andere Hersteller beneidet. Und damit das so bleibt, stellen wir täglich an uns selbst die höchsten Ansprüche. Ich erwarte das auf ein Mindestmaß auch von ihnen.“

Jeder Untersturmbannführer hätte sich nicht besser ausdrücken können. Ich kann dir sagen….

Original Image by Kevin Hutchinson

Das war kurz nach meiner Ankunft.

Wir hatten noch keine Erfahrungen miteinander und ich war vorher noch nie dort. Mich kannte dort niemand.

Mein erster Gedanke war ungefähr so:

Meine Fresse. Die sind schlimmer drauf als ich befürchtet habe. Wenn das einige Kunden wüssten.

Fakt ist, dass ich diesen Zusammenstoß hatte.

Kunden kommen mit solchen Prachtexemplaren der Belegschaft eher selten in Berührung.

 

Der Hitler 911 Turbo

Wenn ich heute den Namen Porsche höre, dann höre ich auch KDF. Und den Namen Hitler. Der grimmige Ölscheitel hat nämlich so einiges damit zu tun gehabt. Porsche war nämlich Adi’s Traumfabrik für Wunderwaffen, zum Beispiel der äußerst putzigen Maus.  — Das regte meine Fantasie an:

Historic stock image by Recuerdos de Pandora

Reichsrennwagen Hitler 911 Turbo, der Name passt.

Der Targa hieße dann Führerkanzel. Und ein Cayenne S, der Sportkübel unter den Leicht-SUV, bekommt noch ein zweites „S“ spendiert.

Gegen Aufpreis gibt es noch die Göring-Komfortausstattung mit massiv verbreiterter Schenkelauflage, Hakenkreuzgetriebe mit Blitzschaltung und den Sportauspuff, der genauso brüllt wie Onkel Adolf, wenn er sich in Rage redet.

Diese Gedanken kamen mir wie von selbst, denn in Pausengesprächen der deutschen Ingenieure wurden meine französischen Kollegen während deren Abwesenheit wie selbstverständlich als „die Froschfresser“ bezeichnet.

Ja, König Adolf Der Böse ist tot.

Aber sein Geist scheint dort überlebt zu haben. Ich kann mich erinnern, dass einer sogar ein angedeutetes Quadrat-Bärtchen hatte.

Nochmal: Wenn einige Kunden das wüssten….

 

Ich verstehe die Liebhaber

Berühmtheiten wie Steve McQueen oder Jerry Seinfeld waren beziehungsweise sind regelrechte Porsche-Markenbotschafter. Deren Bilder hängen stolz im Flur der stolzen Entwicklungsabteilung. Auch eines von Arnie.

Original Image by Steve Lyon (stevelyon.com)

Privat kenne ich einige, die sich für die Sportwagen oder deren Technik interessieren und auch besitzen. Was ich ja verstehen kann. Wenn man meine realen Erlebnisse dort ausblendet, könnte es durchaus romantisch werden. Die Rennerfolge, die Prominenten und wieder die ausgefeilte Technik und Ingenieurskunst. Alles schön. Aber ohne Kunden ginge gar nichts.

Ich persönlich habe auch Lieblingsmarken. Nicht nur eine, sondern mehrere. Egal, ob es um Whisky, Mostrich, Fernseher oder eben Fahrzeuge geht. Und warum gehören jene zu meinen Lieblingsmarken? Weil ich da eine Verbindung zu den Menschen herstellen kann, die dort arbeiten.

Zumindest will ich glauben, dass bei den Produkten, die ich favorisiere, die richtigen zu Werke gegangen sind. Dafür erzähle ich mir auch gern meine eigene Version der Story über meine Lieblingsmarken. Was wiederum mehr über mich sagt, sprich erzählt, als über den Hersteller, dessen Produkt ich benutze oder – seien wir ehrlich – gern hätte. Das funktioniert ganz gut…

 

,,,kann aber auch böse enden

Bevor ich zu Porsche kam, hatte ich kein Problem mit dem Unternehmen oder der Marke. Ich war kein Fan, aber jemand, der den Fahrzeugen eine gewisse ‚Männlichkeit‘ attestierte. Wegen Steve McQueen und so. Seit 2001 hat sich das geändert wie nach einem Unfall.

Image by Kevin Hutchinson

Porsche ist seitdem ein No-Go, also eine der Marken, die ich tunlichst meide. Die Dinger dürfen bei mir nicht mal mehr auf den Hof. Die müssen draußen bleiben wie ein mit Zecken verseuchter nasser Köter.

Bleiben wir bei der stolzen deutschen Fahrzeugindustrie, weil es grad‘ so schön ist. Ein Freund von mir ist Motorradfahrer und er fährt eine BMW. Da ihm in letzter Zeit aber vermehrt andere BMW-Fahrer arrogant vorkamen, ist ihm die eigene Marke unsympathisch geworden.

Er liebäugelt mittlerweile mit Triumph, obwohl er fast sein Leben lang Boxer-Modelle fuhr, sogar welche mit angetriebenen Seitenwagen und Rückwärtsgang…. Aber die Erfahrungen mit Triumph-Leuten waren einfach angenehmer. Sie leben eher so wie er. Seine Story ähnelt denen der Triumph-Fahrer.

In diesem Beispiel ist es nicht direkt der Hersteller, der die Story meines Freundes verdirbt. Sondern die Kunden dieser Marke. Ich kann als Hersteller kaum verhindern, dass Penner mit geringem Selbstwertgefühl, also arrogante Menschen meine Produkte kaufen. Auch Harley-Davidson hat dieses Problem. Allerdings, genau wie BMW, speziell in Deutschland.

Meine Erklärung ist, dass die Händler (siehe Mitarbeiter) hier eine Mitschuld haben, weil sie meiner Ansicht nach die eigenen Kunden mit Arroganz anstecken. Aber das gilt auffallend oft auch für andere Marken mit Premium-Bonus.

Wird ein Händler einerseits von Erfolg verwöhnt und damit bestätigt, und andererseits von der Marke (dem Konzernvertrieb) an der kurzen Leine gehalten wird (durch strenge Vorgaben, aufgezwungene hohe Betriebskosten), so nimmt ein potentielle Kunde das als Arroganz wahr. Der Händler wirkt dadurch abweisend wie ein Beamter.

Ein häufiger Grund dafür…

…sind die Falschen Leute (Mitarbeiter, Kunden). Und kurzfristiges Denken in den Unternehmen. Denn der Aufbau einer Marke und die Kundenbindung daran dauert nun mal länger als ein Manager heutzutage in eben jener verantwortlichen Position ist. Ist er weg, landen die Kundenbeziehungen in den Müll.

Original Image by Dave (dave_7) of Old Car Junkie Blog

Viele Manager-Karrieren bestehen nur noch aus eine Aneinanderreihung von Posten-Quickies. Das heißt, der Motorrad-Manager von heute kann morgen schon Chef in der Vibratorfabrik von Beate Uhse sein. Und so lange er da drin steckt, denkt er ‚Gewinnmaximiert‘, an den Moment, den Karriere-oder Boni-Kick.

Die Lösung des Problems ist…

…zu wissen, dass der Fisch vom Kopfe her stinkt. Das heißt, ein Unternhemen, dass vom Gründer selbst betrieben wird, der 1:1-Kontakt mit dem Kunden hat, gibt eine völlig andere, ich würde sogar sagen menschliche Erfahrung weiter, die man bei Firmen mit abgehobener (entrückter) Eignerstruktur gar nicht findet. Da sind Angestellte, die nur „wichtig“ sind und deshalb logischerweise nur ihr eigenes Wohl im Sinn haben.

Diese Erfahrungen und Eigenheiten kannst du jederzeit auf jeden Bereich des Alltags übertragen. Du kannst es überall beobachten. Bei Freunden, Bekannten und deinem „freundlichen“ (Händler, Verkäufer).

Überall bekommst du eine Geschichte präsentiert, oft unfreiwillig, unpassend und unverständlich. Oder verstehst du die Arroganz von jemanden, der von deinem Geld und Wohlwollen lebt? Eben.

Eine wahrhaftige Geschichte zu erzählen die inspiriert, die ‚erzählt‘ man nicht nur, die teilt man. Mit ‚teilen‘ meine ich: „Ja, das kenne ich auch. Hab ich genauso erlebt.“ Für Dinge wie Autos heißt das, sie bestätigen dich, deine Story sozusagen. Porsche hat das verbockt, zumindest bei mir. Die haben es tatsächlich geschafft, dass ich als PS-Junkie, wenn ich die Wahl hätte, statt einen 911er nun lieber den Bus nehme.

Ich habe mal mit jemanden gesoffen, der in einer Busfabrik arbeitet.

Wie du dir reale Chancen mit einem kalkulierten Risiko eröffnest

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Unkalkulierte Risiken einzugehen ist nur was für Kamikaze und berauschte Hornochsen. Ein kalkuliertes Risiko einzugehen ist die beste Art genau dort Veränderungen in Gang zu setzen, wo sie bisher nicht möglich waren. Egal wo.

Jemand, der seine Risiken kalkuliert, weiß, was ihn erwartet. Er ist von seiner Schlauheit nicht anders als der, der jedes Risiko vermeidet. — Mit dem Unterschied, dass ersterer gezielt Möglichkeiten zu Veränderungen herbei führen kann.

Ein deutscher Angestellter würde es kaum wagen, mit eigenen Ideen sein Leben und das anderer in eine neue unternehmerische Richtung zu lenken. Das Risiko wäre ihm zu hoch. Aufgrund seiner Anpassung und auf die Gefahr hin, sein Gesicht (Job, Einkommen, Status, Weib) zu verlieren, ist er es gewohnt, seiner Angst das Denken zu überlassen. Und Verantwortung – auch das ist er gewohnt – trägt immer das BDSM. (Boss, Dienststelle, Staat, Mutti.)

Leute, die freiwillig die Oberklasse von Porsche, Mercedes, BMW oder Audi fahren, würden sich nie einen Maserati kaufen. Dann lieber einen Porsche, Benz, BMW oder Audi, der preislich und datentechnisch in der gleichen Liga (oder höher), wie der Maser spielt. – Auf den ersten Blick betrachtet wären die vier Deutschen wohl die bessere Wahl. Der zweite Blick fehlt.

Maserati bietet introvertierten und ängstlichen Fahrern nur Unsicherheit: Die sehen einen Kia, der einen Infinity verschluckt hat und beim Anlassen Tote aufweckt, um diese in neiderfüllte Zombies zu verwandeln. Dazu Komforteinbußen, sowieso ein flaues Gefühl im Magen, ein dünnes Servicenetz und böse Geschichten über katastrophale Zuverlässigkeit und kopfschüttelnde Mitmenschen. Die German-Car-User hätten Angst, einiges zu verlieren (Bequemlichkeit, Seriosität, Geld, Kunden, Gewissheit), anstatt was zu bekommen.

Ein jahrelanger Windows-Nutzer würde – trotz bekannter Schwächen – immer wieder einen Windows-Rechner kaufen. Ein Apple-Produkt bedeutet für ihn nur Unsicherheit: Das Einarbeiten ins System, das fehlen der alten Community, das (nicht) Bekommen von Programmen, die er aus Win kennt und die Ungewissheit, ob es funktioniert, wie er es gewohnt ist. Er hätte Angst, etwas zu verlieren (Routine, Gewohnheiten, stündliche Updates), statt Mehrwert zu bekommen.

Der Mann, der eine Frau zum Essen einlädt und sie nur nicht enttäuschen will, der geht in ein Restaurant, dass oder dessen Küche er einigermaßen kennt. Vielleicht geht er zum Italiener. Oder zum Griechen. Aber zum Russen? Zum Nigerianer? Da hätte er Angst, sein Plan könne nicht aufgehen. Wieso?

Statt die Frau besser kennenzulernen, fürchtet er nur sie zu vergrätzen und damit zu verlieren. Er denkt, die Dame, die er einlädt, könnte sich unwohl fühlen oder sein Date könnte peinlich enden bevor es beginnt. (Ist er sich sicher, dass die Frau nicht neugierig ist, so dass sie keine exotischen Dinge oder Erlebnisse mag?) Dieser Mann hätte nur Angst, die Frau könnte ebenfalls unsicher und gehemmt reagieren. Oder genervt sein und ausbüchsen.

Er fokussiert sich auf seinen möglichen ‚Verlust‘.

 

Dein Gewinn sollte schwerer wiegen als der zu erwartende Verlust.

Eines ist klar. Sicherheit ohne Risiken bedeutet Einschränkung, Langeweile und nüchterne Routine. Es ist die Angst eine Sicherheit zu verlieren, die so nie da war. Der Klassenbeste ist kein Abenteurer und wenig kreativ. Und der Einser-Schüler ist selten der unterhaltsame, inspirierende, überraschende oder spontane Mensch. Und leider auch kein Clown.

Ein langweiliger (uninteressanter) Mensch weiß nur, was er nicht will oder verlieren könnte. Darüber beklagt er sich. Und er entscheidet entsprechend. Falls er überhaupt mal was entscheidet. Denn er sieht einseitig nichts weiter als die für ihn daraus folgenden negativen Konsequenzen.

Interessant (im positiven wie im negativen Sinne) ist derjenige, der es wagt, Unsicherheiten und damit Risiken in Kauf zu nehmen. Denn der Haken bei der rein negativen Variante ist, es könnte bei einem interessanten Menschen tatsächlich nach hinten losgehen. Dabei spielt es keine Mandoline, ob er irgendwas entscheidet, anstellt, kauft, liefert oder plant.

Erfolgreich und damit im positiven Sinne interessant wird jemand, der sein Risiko bewusst eingeht. Tut er es, dann geht er ein kalkuliertes Risiko ein, wenn und weil er sich dessen voll bewusst ist. Risiko-Bewusstsein, statt Risikovermeidung ist der Schlüssel zum Leben.

Aber, Leute, die in erster Linie das Gefühl haben, etwas zu verlieren werden von ihren Ängsten getrieben statt von ihrem Bewusstsein. Angst führt zu nichts. Und anders rum: Kalkulierte, also ganz bewusst eingegangene Risiken eröffnen Möglichkeiten. Die Folge ist inspirierte Action.

Wer inspiriert ist, der braucht nicht einmal mehr groß nachzudenken. Er liegt schon richtig, er kennt bereits die Antwort. (Brillant Tim!)

 

Wer ein Risiko eingeht, der ist doch nicht ganz bei Trost. Oder?

Geht jemand ein Risiko wegen eines Risikos ein, dann ist er höchstwahrscheinlich nicht ganz dicht. Oder lebensmüde.

Geht er aber ein Risiko ein, um etwas zu bekommen, was er anderweitig nicht bekommen kann, dann ist das eingegangene Risiko bewusst kalkuliert. Jeder Stuntman oder Raubtierbändiger weiß das. Und damit ist es schon etwas völlig anderes als beispielsweise die Katze im Sack zu kaufen oder so was wie ein Blind Date in einer Kölner Kneipe.

Ein kalkuliertes Risiko einzugehen bedeutet durchaus die Pros und Contras abzuwägen. Auch dann, wenn das, was du bekommst rein emotionalen Wert für dich hat. Aber bei dir ist es anders als beim Angstbürger. Hier bedeutet es abzuwägen, wofür du welchen Preis auf welche Art zu zahlen bereit bist. (Geld ist hier nur eine Form.) Dabei wägst du mit einer anderen Priorität ab.

Diese, deine Priorität liegt in erster Linie auf das, was du bekommst und erst in zweiter Linie auf das, was du nicht bekommst. Das ist der Preis, die Entbehrung oder den Ärger, den du dir dafür wissentlich und sprichwörtlich einhandelst.

Du weißt genau und von vornherein (also bewusst), dass du mit dem was du bekommst, eben bestimmte Dinge verlieren oder nicht bekommen wirst. Also locker bleiben. Genauso weist du je nach Situation, dass das, was du vor hast, kaufst, verschenkst oder erfindest, in irgend einer (für dich aber nebensächlichen) Form nicht funktionieren könnte.

Du musst kein Entrepreneur, ambitionierter Künstler oder Lewis Hamilton sein, um durch das Eingehen eines kalkulierten Risikos deinen eigenen Lebensstil zu pflegen oder mehr aus deinem Alltag herauszuholen. Achte einfach nur auf dein Privatleben, kenne deine Eigenheiten und bekenne dich zu deinen Schrullen. Lege darauf deine Priorität wie selbstverständlich.

Der Grund ein kalkuliertes Risiko einzugehen ist der, was dieser Grund dir und nur dir wert ist. Und der ist real. Hast du keinen Grund, dann bekenne dich zu dir selbst und suche dir einen. Solch ein Grund kann dir Chancen bieten, die du vorher nicht hattest. Dann kannst du immer noch abwägen.

Womit soll man noch Geld verdienen, wenn es schon alles gibt?

Mit fürsorglichem und ernst gemeinten Kundenservice, Haltbarkeit und Qualität? — Gibt es selten.

 

Wie kann man den Alltag erträglicher und das immer stressiger werdende Leben entspannter machen?

Mit Humor, Wohlwollen, viel Nachsicht, Toleranz und ein paar Nettigkeiten gegenüber dir und anderen.

 

Wie kann man sich abends wieder beruhigen und abschalten?

Mit Tequila.

 

Wie kann man den ganzen Idioten nur aus dem Weg gehen?

Eigentlich gar nicht.

 

Wie kann man die Stimme von Béla Réthy abschalten, ändern, umgehen oder technisch unterdrücken?

Siehe oben. [Mit der durch künstlichem Brummbass verstärkten Eunuchen-Stimme von Steffen Simon ist es auch nicht besser. Verglichen mit dem klingt meine Mutter wie Brian Johnson kurz vor Axl.]

 

Was macht man mit den ganzen Idioten, die man nicht aus dem Weg gehen kann?

Ermüden, abschrecken und befremden.

 

Was macht man, wenn man trotz harter Arbeit ein Geldproblem hat?

Weg damit. Also ausgeben. Teure Autos und Schrottaktien kaufen, sinnlose Lebensversicherungen abschließen und nebenher Millionen an Banken spenden (oder gleich an Lutz Finsterwalder schicken). Bei Geldmangel (Armut, Schulden, Hunger) dieses Problem einfach durch ein anderes Problem ersetzen.

 

Wie wird man innerhalb einer Stunde Millionär?

Durch den Tausch von ein paar Euro in Won.

 

Wie kann man den Alterungsprozess wirksam stoppen?

Durch ein kurzes Nickerchen. Am besten am Steuer eines fahrenden Autos.

 

Wo ist das Bild von diesem Beitrag?

Welches Bild?

 

Warum gibt es keine weiteren Blogs nach Art des Klokain-Kartells?

Die wurden von Reichsbildungsministerium verboten.

 

Warum gibt’s es das Klokain-Kartell?

Es gibt gar kein Klokain-Kartell.

 

Und was ist das für ein Blog hier?

Dies ist nur eine kleine harmlose Website, Esé. So mit Wörtern und Buchstaben.

Irgendwas mit Tieren

Original Image by David Goehring

Je mehr man in Deutschland nach Südwesten kommt, umso mehr sind gastronomische Einrichtungen nach Tieren benannt.

Es könnte in Baden-Württemberg, wo ja jede Kneipe nach einem essbarem Viech benannt ist, eine Gaststätte geben die, sagen wir, Huhn oder bei stolzen Inhabern dann eben Hahn oder Gockel heißt.

Ein privat geführtes Hotel heißt, solange eine Gastwirtschaft angeschlossen ist, dann auch wie diese, also wie ein Tier. Mag ich das Tier nicht, dann gehe ich nicht rein und verhungere.

Aber was machen die – wenn wir mal beim Thema Huhn bleiben –  bei einem Bordell? Heißt das dann Zur Hühnerfarm?

Weniger appetitliche Tiere haben es da schwerer. Einen gemütlichen Gasthof Zur Klapperschlange, ein Wirtshaus Zur Mücke (in Schweden gut möglich) oder für diese hektisch-schnippischen Typen, die nie richtig zuhören, Zum Frettchen.

Für die Gangsterkneipe heißt es dann Zum Wiesel. Oder die Rockerkneipe heißt Zur Wildsau.

Ich will hier keine Ratschläge für Kneipennamen geben. Es geht darum, dass Namen in gewisser Art Erwartungen wecken. Bei Gaststätten merkt man das am direktesten. Ich war mal im „Keiler“, da sah der Wirt auch so aus wei einer.

Der hatte einen Unterkiefer zum Tisch abbeißen, und dann der Blick dazu, meine Fresse. Und das dollste war, dass die Gäste genauso aussahen. Das war saumäßig, und ich habe dort lieber keinen Schweinebraten bestellt.

Das, was ich eigentlich schreiben wollte, habe ich an dieser Stelle schon wieder vergessen. (Siehe ‚Frettchen‘.) Ich guck mal nach oben. In der Überschrift steht „Irgendwas mit Tieren“. Ach so, ja. Aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Du denkst vielleicht: „Wie windet sich der Finsterwalder da jetzt wieder raus!?“

 

Es spielt keine Rolle

…was in der Überschrift steht. Es spielt aber eine Rolle, ob es spannend bleibt. Und das geht, mit oder ohne Tiernamen.

Spannung ist kein Endergebnis, sondern ein treibender, fordernder Zustand. Langeweile entsteht, wenn die Spannung aus einer Geschichte raus ist wie die Luft aus einem Ballon. Beispiel?

Wenn ich den Schluss eines Beitrags gleich als erstes bringe, dann kann ich mir den Rest ersparen. Die Aussage wäre so offensichtlich oder so langweilig, dass es es nichts mehr zu erzählen gibt und die nicht erzählte Story eben auch keinen stoßenden Bock unterm Rock hervor lockt, weil letzterer was besseres zu tun hat.

Dasselbe würde passieren, wenn ich beispielsweise ein Auto oder ein Motorrad vermarkten will und weder Namen, Bilder noch Stilrichtung angebe. Ich gebe nur den Preis und die technischen Daten bekannt.

In Wirklichkeit interessiert es keinen. Warum?

Alle technischen Angaben sind in sämtlichen Punkten vielleicht sehr „überzeugend“ und „wettbewerbsfähig“. Ja. Ein paar Ökos werden wegen der Umweltwerte zuschlagen, einige Knauserer wegen der geringen Kosten — ohne das eigentliche Produkt je gesehen oder gehört zu haben. Das soll es geben. Aber der wirklich interessierte Rest will das Ding vorher wenigstens mal sehen, oder hören. Warum? (Lies den nächsten Satz.)

 

Die Story liegt in den Augen des Betrachters

Sieht der Betrachter das Produkt, dann wird eine Geschichte bei ihm in Gang gesetzt.

Es ist nicht die Geschichte des Herstellers oder des Produktes. Sondern die Geschichte des Betrachters und potentiellen Kunden. Die erzeugt die Spannung, die zwingt ihn dran zu bleiben. Die spricht ihn an. Denn sie kommt ja von ihm.

Das, was der Hersteller zeigen oder – wie in diesem Fall der Blogger schreiben – muss, ist der Einstieg in die bereits vorhandene Welt des Kunden, Lesers, Liebhabers. Der denkt bei einem Motorrad weniger an die Serviceintervalle. Er denkt zuerst nur: „Wirke ich als großer Typ damit cool genug?“ Oder: „Kann ich damit quer durch Afrika heizen?“ Oder mein Liebling: „Sehe ich damit wenigstens so richtig illegal aus?“

 

Wie man Erwartungen übertrifft

Der Beginn einer Geschichte kommt von einer Initialzündung. Wie bringst du die Geschichte zum Laufen? Es ist die gemeinsame Geschichte von dir und dem, den du dabei haben willst. Wie du sie anfängst, ist deine Sache, deine Eigenart. Damit schürst du schon mal Erwartungen.

Es ist, wie ein Startknopf, den du drücken musst. Selbst dann wenn du keinen Knopf zum drücken hast. Dann mache es, wie die harten Jungs: Trete den Kickstarter. Dann ist es doppelt so schön, wenn der Motor läuft… und die Geschichte ins Rollen kommt.

Willst du den Nerv treffen, dann erzähle die Geschichte desjenigen, der dich interessiert. — Gern auch ohne Worte..

Die Korrigierer

Original image by Petras Gagilas

…oder nennen wir sie Sittenwächter. Es gibt Typen, die spucken einem ins Gesicht, noch während du ihnen freundlich die Hand zur Begrüßung entgegen streckst. In deinem Haus.

Hier ein paar Erklärungen, Beispiele und Tips zum Umgang mit dieser Sorte.

 

Korrigieren = Gieren nach Korrektheit

Du hast vielleicht schon mal erlebt, dass dich jemand brüskiert, während du ihm nett begrüßt hast. Das ist ein eher deutsches Phänomen, mit dem ich irgendwie versuche auf meine Art klarzukommen.

Ich zum Beispiel begrüßte mal im Beisein von anderen Leuten ein Pärchen und gab den mir fast im Stechschritt entgegen schreitenden Bekannten dementsprechend die Hand. Aber er nicht. Stattdessen wies er mich selbstbewusst darauf hin, dass ich „erst die Frau“ begrüßen solle.

Dieser Oberlehrer war vor wenigen Jahren selber nicht in der Lage, überhaupt jemandem zu begrüßen. Der erzählte stattdessen gleich von seinen Erfolgen vom Scheißen bis zur Wohnungsrenovierung.

Er hat nun mal eine Frau geheiratet, eine Lehrerin mit Beamtenstatus. Die wird ihn so lange zurecht korrigiert haben, bis es in sein Weltbild passte, was Besseres zu sein.

Also lassen wir milde walten. In Irland bleibe ich ja auch nicht sitzen, wenn nachts im Pub die Nationalhymne gespielt wird. Die stolzen Iren stehen auf, wanken und nachdem sie sich stabilisiert haben, geht der Blick zum einzigen Deutschen, der noch sitzt (mich), mit der Aufforderung aufzustehen. Der Unteschied hier ist, dass ich die Iren brüskiert hätte, wenn ich sitzen geblieben wäre. Slainte.

Ironischerweise mache ich es oft so, dass ich freiwillig aufstehe, wenn aus meiner Sicht wichtige Personen den Raum (oder in Österreich den Tisch) betreten. Selbst dann, wenn ich es nicht unbedingt müsste. So manches Mal bin ich dann der einzige, der steht. — Warum? Ich liebe es, herrlich verkehrt zu sein. Anders ausgedrückt, ich provoziere jetzt mit Höflichkeit.

Vorauseilende, oder besser übertriebene oder völlig unangebrachte Höflichkeit macht es Korrigierern schwer und bringt sie in Zugzwang. Mehr noch, es verwirrt sie, was wiederum ungemein Spaß macht. Und da wollen wir ja hin.

 

Die Leute lieben es, korrigiert zu werden

Nein, das ist natürlich Quatsch. Denn, wenn es so wäre, dann wären die stets korrekten Deutschen das liebenswerteste Herrenvolk der Welt. Warum?

Deutsche korrigieren gern, selbst dann, wann der (oder das) Korrigierte bereits korrekt ist. Wenn ich ein englisches Wort korrekt ausspreche, dann korrigiert man mich auf Denglisch oder mit fettem deutschen Akzent. (Deshalb habe ich mir in Gegenwart von Deutschen angewöhnt, in D-Land gebräuchliche, aber englische Begriffe absichtlich mit aufgesetztem deutschen Akzent zu sprechen, damit die mich überhaupt verstehen. Und notfalls sage ich eben Bumms statt punch.)

Aber dieser Beitrag ist kein Sprachkurs oder eine Anleitung, wer wann wo nur so zum Spaß aufstehen muss. Ganz im Gegenteil. Es geht hier um Ordnung und Sicherheit. Denn Korrigieren heißt Ordnen. Sicherheitshalber.

So wie beim dem Nachbar, dessen Köter die ganze Nacht durchbellt, der aber am nächsten Tag die Polizei anruft, weil das Motorrad am Freitag um 17 Uhr für 5 Sekunden zu laut ist, den gibt es selbst in den dicht besiedelten Niederlanden nicht. Oder nicht so häufig und extrem.

Ordnungsbürger, Oberlehrer, Spießer, Pedanten, Beamte, Konformisten, Polizisten. — Alle eine Wichse. Sie alle wollen sicherstellen, dass das eigene, besser vorgegebene, Weltbild – sei es noch so falsch – gewahrt bleibt. Alles, was davon abweicht, wird als „falsch“ angesehen und daher korrigiert, angepasst, „geplättet“ und dann ins Abseits gestoßen.

Kurz, ein Deutscher liegt immer richtig. Der Grund? Er geht davon aus, dass es nur ein „richtig“ gibt. Also seines. Dann muss alles andere falsch sein. Und dass es mehrere Möglichkeiten geben kann, richtig zu liegen, ist für ihn schlichtweg nicht tolerierbar und damit genauso undenkbar wie kalte Getränke in kühlen Räumen im Hochsommer.

 

Was du mit Korrigierern machen kannst

Gar nichts. Sei nur tolerant. Denn dumme (oder uniformierte) Leute fühlen sich immer im Recht. Du musst sie nur weiträumig (vorausschauend) aus dem Weg gehen, den Umgang auf das nötigste beschränken (zum Beispiel den mit der Polizei). Falls Leute bei dir zu Besuch kommen, sag einfach: „Mein Haus, meine Regeln.“

Den Korrigierern keinen Anlass zum Korrigieren zu geben ist mühselig. Und perfekt zu sein ist unmöglich. Das heißt, bei dir wird immer irgend ein Idiot Anstoß finden. Es ist Gedankenverschwendung, sich damit auseinanderzusetzen.

Lass diese Leute weiter korrigieren und fertig. Die brauchen das, um sich gut oder wichtig zu fühlen, fürs kaputte Selbstwertgefühl. Damit tust du denen was gutes. Falls dich jemand dann doch zu sehr nervt, sag ihm genau das.

Bei den Großen Jungs* mitspielen

Original image by Joe

Es hat seinen Reiz, bei der alles andere als netten, aber coolen Gang rumzuhängen. Also da, wo es es eigentlich immer gefährlich ist. Und wer sich an die gefährlichen Jungs ran traut oder gar ein Teil von denen ist, der muss wohl was taugen. Oder ist lebensmüde.

 

Die schweren Jungs sind das A-Team

Alle anderen sind der schale, laue Rest, der zweitrangig im Niemandsland herum wuselt und immer nur hinterher hinkt.

Die großen Jungs bedeuten die First Class, wenn es darum geht, überhaupt irgendwo mitzuspielen. Und der Zugang zu dieser First Class ist schwer, teilweise unmöglich. Aus gutem Grund.

Wenn du es leichter machen würdest, jeden Kurzeit-Interessenten in deine Klasse hineinzulassen, dann würde eben jene Klasse schnell aufhören zu existieren. Zumindest in der Form, die gerade ihre Besonderheit ausmacht. Aus dem A-Team wird dann ein B-Team. Und ‚B‘ bedeutet hier ‚eventuell C, dann D‘.

Und die Leute, die ursprünglich das „A“ im Team waren, sind längst von dannen. Aus einer kleinen Gruppe großer Jungs wird eine große Gruppe kleiner Jungs. Der Vorteil der Gruppe verschwindet somit ebenfalls. A-Teams muss man pflegen.

 

Was ein A-Team alles sein kann

Deine Familie. Die engsten Freunde. Oder eine einzelne Person. Gründer. Clubmitglieder. Der Tuningexperte in einer KFZ-Werkstatt. Der Anwalt, der jeden raus haut. Die guten Kunden, die als erste kaufen und weiter empfehlen. Die Band, die jeden Club voll kriegt. Kurz, die Eliteeinheit, der harte Kern, die großen Jungs, auf die es bei dir letztendlich ankommt.

 

Der Vorteil der großen Jungs

Richtig schwere Jungs sind unmöglich. Und genau diese Unmöglichkeit ist deren Vorteil. Denen sind beispielsweise Dinge möglich, die anderen verwehrt bleiben. Warum auch nicht? Sonst wären sie ja nicht die, die sie nun mal sind.

Es ist genauso unmöglich, einfach zu behaupten, man gehöre zu den großen Jungs, man spiele mit denen oder sei gar deren Teil. Dann könnte das jeder — wenn er wollte. Der Zugang bleibt beschränkt. Was der Vorteil ist.

Man ist nicht von einem Moment auf den anderen ein ‚großer Junge‘. Man wird einer, sofern man sich vorher dazu entscheidet und dazu steht. Es wird auch keiner als großer Junge geboren. Man verdient es sich.

Die richtig großen Jungs (nicht die aus dem Kindergarten) haben und entwickeln Ideen, sie wollen Veränderungen herbei führen. Sie sind immer nur wenige. Und die ersten an der Front. Denn es sind wenige, die sich trauen (und die Ausdauer dazu haben), voranzugehen und die Richtung vorzugeben.

Der beste Weg bei den großen Jungs mitzuspielen ist der, indem du anderen – aber nicht jeden – erlaubst bei dir mitzuspielen. Aber mach das Spiel nach deinen Regeln, ändere sie so, dass es dein Spiel ist. Das Spiel des anderen Teams und dem schalen Rest bleibt deren Spiel.

Und ja, es ist gefährlich, was Neues zu wagen. Aber dafür — und die Wahrscheinlichkeit ist hoch — bist du von Anfang an im A-Team. Oder dessen Anführer.

Kurz: Dein Team, dein Spiel. Kleines Team, große Jungs.

[* Für die Sittenwächter: Als „Jungs“ sind bei mir auch Mädels gemeint. Daher das Sternchen. — In den USA ist die Begrüßung „hi guys“ umgangsprachlich normal, locker, ungezwungen, im Plural und geschlechtsneutral. Mit politischer Korrektheit hat dies nichts zu tun. Wir sind immer noch das Klokain-Kartell. Aber stell dir mal vor, es kommt eine Horde Omas vorbei und du rufst freundlich „Hallo Jungs!“.– Als Rechtfertigung kannst du dann immer noch sagen, du hättest sie für die Rolling Stones gehalten. Bei Jagger muss man mittlerweile schon raten, ob es mal eine Frau oder ein Mann war.]

Wie man richtig durchsäuft

Original image by Matt Baume

Jeder Genussmensch kennt das doch aus seinen Anfangstagen: Die schönsten Momente sind immer die nach den ersten Drinks. Danach kippt entweder die Stimmung oder man pennt ein. Genau das ist das Anfängerproblem.

 

Bei Profis läuft es (der Stoff) anders

Wo es beim jungen Anfänger schon zu Ende geht, da geht beim Alten die Tour erst richtig los.

Insider wissen es. Der Profi glüht vor. Er ist immer bereit. Das heißt nichts anderes als genießen von Anfang an.

Original image by Melissa Wiese

Die Alten kommen wie selbstverständlich schon angetrunken zum Besäufnis. ‚Angetrunken‘ heißt hier ‚bereits mitten drin‘ oder ‚warm gelaufen‘ oder ’schon bei der Sache‘. So jemanden kann eigentlich nichts mehr passieren.

Selbst wenn der Profi die ganze Nacht durchsäuft, so wirkt er auch weiterhin stocknüchtern. Und das Schöne ist, er hat weiterhin Durst. Durst bis zum Schluss. Wobei er weniger aufs Klo rennt als so mancher Jungspund in kürzerer Zeit.

Das kannst du auch, indem du stetig, aber zügig trinkst. Trinkst du zu schnell, geht es dir wie dem Anfänger und fällst um. Trinkst du zu langsam, vergeht dir der Appetit und kriegst einen Kater. Und aufs Klo musst du so oder so.

Im schlimmsten Fall leitest du damit eine ungewollte Entwöhnung ein. Aber soweit darf es nicht kommen..

Falls doch, willst du nur noch ins Bett. Und wer im Bett liegt ist unproduktiv und verpasst die Happy Hour. Kurz: Halb besoffen ist raus geschmissenes Geld. Daher gilt:

 

Aktiv am Geschehen teilnehmen

Es ist wie überall im Leben. Passivität lässt dich auf brutalste Weise ins Hintertreffen geraten. Du siehst, richtig saufen ist Arbeit.

Das wissen und verstehen die wenigsten. Die Bedienung arbeitet nur zu. Und zwar während der Wirt (Cheftrinker) hart arbeitet, indem dieser selbstlos seine Gesundheit im Sinne des Gemeinwohls aufs Spiel setzt und unablässig vorexerziert wie man trinkt. (Das wird viel zu selten gewürdigt.)

Also die Hauptarbeit an der Front, die muss der Trinker mit ganzem Körpereinsatz absolvieren. Er muss unterhalten, nachdenken, nachtanken und sich mächtig anstrengen, das Klo zu meiden. (Dazu gleich mehr.)

Geht das überhaupt, saufen und sprechen? Ja klar, du bist ja nicht der einzige, der säuft. Das läuft – wie so vieles im Suff – automatisch. Die anderen saufen sich dein Gelalle wieder verständlich. Und außerdem, du sollst ja unterhalten und kein Referat abhalten. (Versuchen kannst du es trotzdem..)

 

Die Blase ist das Statussymbol des professionellen Trinkers

Das Getränk selber, gerade Bier, ist vergänglich und daher kein Prestige. Denn man kauft kein Bier. Man mietet es nur. Spätestens auf dem Klo, weißt, du was ich damit meine. Nur die Haltedauer ist entscheidend, die macht den Unterschied.

Profiblasen sind wie die Plautze einer Schlange. Sie sind dehnbar bis auf ein vielfaches ihrer Größe.

Es gibt für den Profi keine Pausen. Nicht im eigentlichem Sinne. Denn er muss seine Körperfunktionen im Griff haben. Zum Pissen geht er keine Sekunde zu früh, sondern erst dann, wenn es schon aus den Ohren kommt. Auf keinen Fall vorher „das Siegel brechen“.

Dann lieber noch einen trinken. Wie gesagt, es ist harte Arbeit. Und wer will dabei schon oft unterbrochen werden, und sei es nur durch die eigene Blase. (Die vorher gedehnt wird.)

Fakt ist, der professionelle Suffkopp muss der scheinbaren Sinnlosigkeit des Trinkens Ausdruck verleihen. Denn hat sie Ausdruck, hat sie Sinn. Er gibt der Sache also Sinn. Er vollendet das, was Brauer, Brenner und Getränkehandel nur angefangen, die Kellnerin nur verspätet serviert hat (falls man sich nicht selbst schon bedienen muss, um seinen Rhythmus zu halten).

 

Immer schön freundlich und im Rhythmus bleiben

Original image by Dragan Brankovic of DB photography

Sitzt du nur rum und trinkst ab und zu, dann kann der Körper den Alkohol nicht gleichmäßig, das heißt routiniert, abbauen. Daran merkt man wieder den Anfänger.

Echte Langstrecken-Trinker erkennt man auch dadurch, dass sie die Ganze Zeit „wie aufgezogen“ sind. Sie sind redegewandt, gesellig und haben einen Adlerblick, was um sie herum alles abgeht.

Genau deshalb bleiben die wichtigsten Körperfunktionen mühelos in Aktion, als kurz über Leerlaufdrehzahl, der Puls ist auch höher. Und damit verbrennt der Profi ganz automatisch überschüssige Energie.

Dreimal darfst du jetzt raten, was Alkohol im Grunde ist….

Es ist Energie. Deshalb haben einige eher ein Energieproblem als sonst irgend was.

Als Energie sollte der Alk auch so behandelt werden.

Er muss wie jede irdische Ressource zur Freude des Herrn verbraucht und (hörbar) verbrannt werden.

Oder um es in den Worten des Profis zu sagen: Der Stoff muss alle werden.

 

Alkohol ist der Stoff aus dem die Träume sind.

Daher träumt es sich besoffen besonders schön. (Transzendent wird es erst, wenn man wieder nüchtern wird.) Der Suff ist das bebilderte Ethanol-Nirvana, der Hopfen-Himmel oder das Schankbier-Shangri-La. Aber bis dahin hat es Zeit. Und den Weg dorthin muss man sich verdienen.

Deswegen erwähne ich es hier nur am Rande. Wer im Bad oder in einer Telefonzelle übernachten will, der kann das tun. Aber bis dahin gilt: Durchalten. Und vor allem gilt es, die Haltrung zu wahren. Besonders bei Gehen.

Willst du beim Laufen die Linie möglichst ideal, also unauffällig gerade halten, dann guck dahin, wo du hingehen willst.

Ansonsten stolperst du, verlierst die Orientierung oder die Balance. Gehe immer leicht gefedert, so um die 5cm tiefer als sonst, um unerwarteten Schlaglöchern oder Steinen zuvor zu kommen. Auf diese Weise kannst du jede Unebenheit, wie zum Beispiel die Bierleichen der ganzen Anfänger, dämpfen und abfedern.

In den Kurven – sagen wir, so kurz vorm Klo – musst du meist abbiegen. An der Stelle solltest du in Schräglage gehen.

Das heißt, du musst dich in die Kurve legen, um den aufkommenden Fliehkräften entgegen zu wirken. Keine Angst, dass du eventuell auf dem Boden mit dem Ellenbogen aufsetzen könntest. Denn durch die bereits erwähnte federnde Gangart, hast du eine überlegende Kurvenlage mit immer noch grandioser Schräglagenfreiheit.

Ist der Boden rutschig (zum Beispiel bierig-glitschig oder so ähnlich), dann wie gesagt, federnd laufen und dabei unbeirrt nach vorn schauen und keine Miene verziehen, versuchen „normal“ zu gucken. [Zwecks Zielorientierung und um Doppelbilder zu vermeiden, dabei einfach ein Auge zukneifen.]

Wenn du danach immer wieder zur Bar zurück findest, dann bist kein Anfänger mehr. So viel steht fest. Und denke dran: Immer als letzter den Laden verlassen. Idealerweise nach dem Wirt. (Das ist die Königsdisziplin.) Das hinterlässt Eindruck. Glaub mir. Dann wagt es keiner mehr, dich nicht als Profi zu bezeichnen.

Dieser Beitrag musste mal geschrieben werden, sonst wird es immer wieder falsch gemacht. Und nicht vergessen: Sternhagelvoll waren wie immer nur die anderen.

/humor [Die hier beschrieben Szenarien sind frei erfunden und dürfen nicht ernst genommen werden. Gewisse Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen sind natürlich rein Zufällig und nicht beabsichtigt.]

Das ist Charakter

Original Image by rufus (rufusowliebat)

Wenn du Charakter finden willst, dann musst du in unserer heutigen Welt lange suchen. Darin ist eigentlich alles wissenschaftlich erklärt und mit Fakten und Messwerten unterlegt. Das reicht den meisten. Die Meisten sind aber die diejenigen, die keinen Charakter haben.

Der Begriff Charakter bedeutet gemeinhin Merkmal, Prägung, Eigenheit und Unterscheidung. Und Charakter bedeutet für mich auch Magie.

Richtiger Charakter ist mehr als eine Formel.

Nur so viel: Menschen können Charakter haben, sowie Persönlichkeit. Tiere aber auch. Dinge können Charakter haben, aber keine Persönlichkeit, können aber von Persönlichkeiten (Menschen) gemacht und erkannt werden. — So, der nächste Absatz wird wieder lesbar.

 

Charakter kann sowohl stören als auch geil machen

Es kommt schon darauf an, wer mit wem oder mit was in Berührung kommt. Aber trotzdem habe ich den Eindruck, das es Menschen gibt, denen Charakter generell wichtiger ist als anderen. Und anderen stört er wiederum.

Deshalb hat ein starker Charakter – vor allem der von Menschen – für viele immer auch was provozierendes. Da gibt es jene, die sich von Ecken und Kanten gestört fühlen. Schlimmer noch. Diese ‚Vielen‘ sind jene, die echte Charaktere unterbinden, unterordnen und (ihrem Weltbild, den gesellschaftlichen Normen) anpassen wollen…

…und ob sie es schaffen ist eine andere Frage.

 

Ein Charakter ist Selbstzweck

Landschaften, Gerüche, ein Gitarrenspiel, selbst Maschinen können – für denjenigen, der es erkennt – Charakter haben.

Willst du mit einem Mercedes bequem und standesgemäß von A nach B kommen? Oder mit einem Motorrad als erster ankommen? Oder ist dir beides egal? Wenn dir alles egal ist, dann fährst du überhaupt nicht oder nimmst den Bus.

Ist dir eine Sache aber wichtig, dann fährst du beispielsweise auch bei Dreckswetter oder einer Bullenplage dein bollerndes 350-Kilo Maschinengewehr auf 2 Rädern. — Nicht extrem schnell, aber mit Charakter.

Will ich mit einem 18er Macallan angeben, der mir Selbstwert gibt und geschmacklich keine Probleme macht? Oder will ich in Ruhe einen nicht billigen, aber fair bepreisten 12er Springbank erleben, der zwar ordentlich nach bösestem Kloreiniger riecht, aber beim Trinken einen multiplen Oralorgasmus verursacht, der pro Schluck 36 Minuten andauert?

Will ich falsch sein? Oder will ich richtig leben?
Will ich Dinge ausblenden? Oder will ich was merken?
Will ich die Klappe halten? Oder will ich eine Ansage machen?

 

Was du tust, dass sollte schon einen Eindruck hinterlassen

Bring – bildlich gesprochen – den Gummi auf den Asphalt. Und dann gib Galle.

Image by Robert Couse-Baker

Es gibt Menschen, die man anhand ihres Gesichtes oder ihrer Körpersprache sofort erkennt. Bei Frauen (ich bin ein Mann) ist es so, dass diese Models (die mit den Idealmaßen) auf mich genauso attraktiv wirken wie ein Besen für Sieben-Fuffzig aus dem Baumarkt. Nämlich gar nicht. Aber für schwule Modeschöpfer haben die wohl Charakter.

Charakter mit all seinen Eigenheiten ist bei Menschen komplex. Ich kann eine Person sehen und innerhalb von Sekunden einschätzen, ob man ihr vertrauen kann oder ob ich einen (männlichen/weiblichen) Idioten vor mir habe.

Die Augen, der Blick, das Gesicht, der Stil (Frisur, Kleidung, Haltung), die Stimme und Wortwahl und mein Bauchgefühl. Keine Formel, sondern mein Gefühl sagt mir, wer vor mir (oder neben) mir steht.

Ob du mit einer Person wirklich klar kommst, das merkst du frühestens bei der zweiten Begegnung. Und an deiner Beobachtung, wie sie mit anderen umspringt.

So ist es bei Menschen.

 

Die Charakteristik der Dinge

Bei Dingen ist es nicht so viel anders. Auch die haben eine – ich will nicht sagen Aura – aber eine gewisse Symbolik.

Manche Dinge transportieren den Spirit ihrer Macher. Mit Spirit meine ich nicht nur Whisky, obwohl dieses Beispiel passend wäre. Sondern, deren Geschmack beziehungsweise deren Absicht. Das ist die Absicht, was er mir mit seinem Werk anderen sagen oder mitteilen will. Beispielsweise eine Botschaft oder ein überraschendes Aha-Erlebnis, womit ich nie gerechnet hätte.

Heutzutage haben einige Unternehmen erkannt, dass mit Charakter Geld verdienen kann. Schön und gut.

Das Problem ist aber, dass nun spezielle Produkte einen bestimmten Charakter haben sollen. Diesen aber nicht bekommen. Viele Resultate haben nicht den erhofften Charakter — aus Sicht der Kunden. Warum? Weil die Leute, die dafür verantwortlich sind, selber keinen haben, diesen nur kopieren oder geschmacklich völlig anders liegen.

Kurz: Wer mit Charakter Geld verdienen will, der hat keinen oder geht nach Hollywood. Am besten passt beides.

 

Ein paar Fragen, die helfen zu verstehen:

Wieso sind ausgerechnet sind die meisten Chopper Harley-Umbauten oder -Klone? — Weil die Amis den besten Fahrzeugbau haben?

Wieso sind ausgerechnet irische Pubs die populärsten Kneipen der Welt? — Weil es in anderen Kneipen nichts zu saufen gibt?

Wieso wird ausgerechnet starker aromatischer Whisky pur und handwarm getrunken? — Weil der Trinker eh nichts mehr merkt?

Wieso wirkt ausgerechnet der alte Chinese so weise? — Weil im Rest der Welt alle Deppen sind?

Wieso sind Italiener die besten Gastronomen und Mafiosi?  — Weil sie Zoff mit den Iren wollen?

Wieso ist ausgerechnet die Schauspielerin Tilda Swinton ein Kultstar? — Weil sie ein missglückter Klonversuch von David Bowie war, um ewig zu leben?

 

Charakter ist nicht nur ein Auspuffklang, eine Geschmacksnote oder eine typische Eigenheit. Charakter ist mehr als der Arsch deiner Braut oder das Gesicht von Opa Willie.

Echter Charakter ist komplex und daher nicht einfach erklärbar. Er ist mysteriös, einzigartig und unkopierbar. Er sorgt dafür, dass man dich oder deine Handschrift noch nach Jahrzehnten wieder erkennt. In unserer von Leistungswettbewerb, Fakten und Features dominierten Gesellschaft ist Charakter das einzige, was darüber steht.

Charakter ist dein Markenzeichen schlechthin.